Friday, December 09, 2005

Vorwort

Das Theaterstück Darja wurde 1997 mit dem Else Lasker-Schüler-Dramatikerpreis (zusammen mit Werner Fritsch) ausgezeichnet.
1998 wurde es von der Regisseurin und Schauspielerin Miriam Goldschmidt am Pfalztheater in Kaiserslautern uraufgeführt. Es gab ein überregionales Presseecho, Süddeutsche Zeitung, die Deutsche Bühne, etc.
Die Aufführungsrechte liegen beim Verlag Felix Bloch Erben in Berlin. (siehe Link am Ende des Textes)
Der vorliegende Text wurde 2005 von mir hinsichtlich der neuen Rechtschreibung überarbeitet und aktualisiert.

Info zur aktuellen Fassung: http://darja-aktuell.blogspot.com/

Tuesday, November 15, 2005

1. Bild

Bootssteg am Steinhuder Meer. Im Hintergrund die Festungsinsel Wilhelmstein. Auf dem Steg, an einem Geländer lehnend, Hermann und Darja. Hermann schaut auf den See hinaus, Darja betrachtet Andenken Läden, Ausflugslokale und Räucheraalbuden.

Hermann: Urlaubsparadies für alte Leute.
Darja: Psst!
Hermann: Aasgeile Aale, Fisch frisch.
Darja: Eine Möwe!

Sie beobachtet den Flug des Vogels.

Hermann: Das Wasser ist trüb. Flach und schlammig. Das Meer, zweihunderttausend Jahre alt.
Darja: Ich kann Deutsch lesen, Deutsch schreiben und Deutsch sprechen. Seit gestern. Zweihunderttausend Jahre. Sie umarmt ihn lachend. Das stand auf dem Schild in der Festung. Und wem verdanke ich das? Er küsst sie. Sie küsst ihn mit Kommentar. Dir. Und dir. Nur dir. Von dir. Für dir.
Hermann: Dich. Für dich.
Darja: Pfür dir guat!
Hermann: In München warst du Französin. Weil ich Französisch nicht verstehe. Wollte schon aufgeben.
Darja: Meine ersten drei Sätze: mit französischem Akzent Schleich die, du bleede Kuah! Du greisliche Weedderhex, schau ganz schnull, dass hikummst, wo du hergekumma büst! Gscher di, du aolte Bißgurren. Ich bin aus Bayern.
Hermann: ernst Musste ich lachen! Französisch. Das war der Moment. Für uns. Sonst bin ich schüchtern. Seitdem bin ich glücklich.
Darja: Psst!
Hermann: Keine Angst, dass es aufhört. Es hört nicht auf. Zweihunderttausend Jahre mindestens. Glaub` mir!
Darja: Noch eine Möwe!

Sie verfolgt wieder den Flug des Vogels. Diesmal schaut er auch hin.

Hermann: Die hat unterwegs auf einem Schild gelesen: Steinhuder Meer. Statt salzigem Hering gibt's jetzt Aal fett und halbsüßen Karpfen.
Darja: Es sind zwei. Schau, sie fliegen zusammen. Vielleicht haben sie die Weite des Meeres nicht ausgehalten, sich Schutz gesucht im Wald am Wasser. Ein Nestpärchen wie wir. Etwas Wichtiges hat sie fortgetrieben.
Hermann: Die Meerenge.
Darja: lacht So etwas gibt es?
Hermann: Zwischen Niedersachsen und Großbritannien.

Alte Leute gehen vorbei.

Darja: Vielleicht fällt nächstes Jahr unser Tag wieder auf ein Wochenende, dann möchte ich das große Meer sehen.
Hermann: Ich weiß nicht, ob der Kalender das zulässt, weil es diesmal ein Sonntag ist.
Darja: Dann betrügen wir uns ein bisschen mit dem Datum, nehmen das davor, oder das danach.
Hermann: Nein, es muss genau der Tag sein. Ich beantrage Urlaub.
Darja: Das liebe ich an dir. Du bist korrekt. Und tust alles für die Liebe.
Hermann: Mach mich nicht verlegen. Denkst du, dass ich spießig bin?
Darja: Ich denke, dass du der liebevollste Mensch bist, den ich kenne. Liebevoller, wie eine Mutter zu ihrem Kind.
Hermann: Als.
Darja: Wie?
Hermann: Liebevoller, als.
Darja: Danke! Als.
Hermann: Ich finde schöner wie auch schöner als schöner als, aber schöner als ist grammatikalisch richtig und schöner wie grammatikalisch falsch.
Darja: Habe nicht verstanden.
Hermann: gespielt heftig Ich kann auch mal aus der Haut fahren. lacht.
Darja: Als Aal? Oder wie?
Hermann: lacht Das musst du dir bildlich vorstellen.
Darja: blass Sag es mir zuliebe bitte nicht mehr, ja?
Hermann: Ich schreib' es mir hinter die Ohren.
Darja: lacht Das hast du schon oft gesagt, das kenne ich. Nächstes Jahr sehe ich nach.
Hermann: Abgemacht!
Darja: Wenn du sagst, abgemacht, machst du es wirklich. Lieber nicht.
Hermann: Wenn man sich verlassen kann, ist das nicht schön?
Darja: Ja. Man weiß, was kommt.
Hermann: scherzhaft So sind wir Niedersachsen.
Darja: Treu, ein bisschen langweilig...
Hermann: Besser, als immer Stress wegen nichts.
Darja: Alle Feiern sind geplant. Man hat keine Lust und feiert trotzdem. Und wenn man Lust hat, keine Zeit.
Hermann: Lass uns nächstes Jahr ganz spontan unseren zweiten Hochzeitstag feiern, ja?
Darja: lacht Gute Idee. Ich plane das Spontane und du organisierst das Übrige, abgemacht?
Hermann: lacht Wenn du sagst, abgemacht, dann weiß ich nie...
Darja: Diesmal gilt es, ja? Wirklich. Ehrlich. Was soll ich denn noch sagen, dass du mir glaubst?
Hermann: Gut, abgemacht. Glaub' nicht, dass ich es vergessen werde.
Darja: Du hast das perfekte Gedächtnis. Überhaupt bist du der perfekte Mann.
Hermann: ernst Ich gebe mir Mühe.
Darja: Ach, du musst dir Mühe geben. Ich dachte, du bist es einfach.
Hermann: verlegen Ich meine,...du bist perfekter, an dich komme ich nicht heran.
Darja: umarmt ihn, verliebt Du bist es für mich. Du. Verstehst du, was das bedeutet?
Hermann: Ja.
Darja: Psst!
Hermann: Mpf.
Darja: Was?
Hermann: Ich konnte nicht schweigen. Etwas musste heraus.
Darja: Ausgerechnet: Mpf?
Hermann: Tut mir leid.
Darja: Besser, mpf, als gar nichts.
Hermann: Psst!
Darja: Mir ist nach Sprechen.
Hermann: Sprich!
Darja: Nein, doch nicht. Habe ich alles schon mehrmals gesagt.
Hermann: Bitte, bitte, bitte, sag es trotzdem! Ich kann nicht genug hören von dir.
Darja: Das ist nicht gut. Ich muss dich entwöhnen. Du wirst abhängig. Eine Sucht! Das schadet dir.
Hermann: Mir? Der Freiheit und Verbindlichkeit ausbalanciert wie ein Artist in der Zirkuskuppel sein Gleichgewicht?
Darja: Du darfst keine Schieflage bekommen. Oder willst du mein Baby sein? Ein weibischer Mann?
Hermann: Pah!
Darja: Nein, keine Gefahr. Du bist mein Held.
Hermann: verzieht schmerzhaft sein Gesicht Oh!
Darja: Was hast du?
Hermann: Ich habe Schmerzen in der Brust.
Darja: Tut es sehr weh?
Hermann: leise Das habe ich befürchtet.
Darja: Ist es das Herz?
Hermann: Mir wachsen Brüste. Kannst du mich beim BH - Kauf beraten?

Darja lacht erleichtert.

Darja: Wir warten ab, bis sie ausgewachsen sind. Dann kaufe ich dir ein Clownskostüm, extra weit.
Hermann: Ich soll eine Pappnase tragen? Niemals, ich lasse mich zur stolzen Zigeunerin umschulen und lerne Kunstreiten.
Darja: Ich, dein Bewunderer, fange dich auf, wenn du vom Pferd fällst.
Hermann: Das hast du nett gesagt. Würdest du das bitte mit ganz zärtlicher Stimme wiederholen?
Darja: Wenn du auf die Nase fällst, und die Nase blutet, küsse ich deine Augen und schmecke dein Blut.
Hermann: Gut! Ich lasse mich krankschreiben und wir machen uns mit meiner geschwollenen Nase ein paar schöne Tage auf Kosten des Zirkus.
Darja: Und was machen die anderen Artisten, ohne dich?
Hermann: Balancieren. Hauptsache wir haben ein paar schöne Tage, ohne den Zirkus.
Darja: Phantastische Idee! Lass uns heute Nachmittag Reiten gehen, damit du morgen zu Hause bleiben kannst.
Hermann: Wie falle ich glücklich vom Pferd?
Darja: Ja, wie fällt mein Held auf die Nase vom Pferd? Mit einer Maus. Die muss das Pferd erschrecken.
Hermann: Wo kriegen wir die Nase her? Ich meine, das Pferd? Und die Maus?
Darja: Wir fangen eine Maus! Ein Pferd finden wir auf dem Parkplatz. Wir fragen alle Rentner, wo es hier Mäuse gibt. Haben sie eine Maus?
Hermann: Im Kurcafè, wo beim Kaffeekränzchen Kuchen krümeln, da gibt es bestimmt welche. Am Boden zwischen den Gedecken auf der Sonnenterrasse kriechen wir eine Treibjagd auf kleine Krümelnager.
Darja: Guten Tag, essen sie ruhig weiter, wir suchen eine Maus.
Hermann: Ihh! Schock für die Mäusebande! Werden vom Gekreische erschreckt. Laufen panisch im Kreis herum. Fallen in Ohnmacht. Wir halten sie am Schwänzchen, sammeln alle ein.
Darja: Hermann!
Hermann: Das Jagdfieber steigt.
Darja: Also los, auf zur Treibjagd.
Hermann: Nach der Tragödie des Rattenfängers von Hameln, nun die Farce: die Mäusefänger von Steinhude! besinnt sich Geliebte, bei meiner Ehre, ich laufe lieber für eine blutige Nase absichtlich gegen einen Laternenpfahl, als arme Mäuse zu erschrecken. Ich ein Imperialist?
Darja: Das möchte ich sehen.
Hermann: Niemals! Es lebe das unterdrückte Mäusevolk und die Revolution! Wir erzählen dem Doktor, ich sei vom Pferd gefallen.
Darja: Das Pferd finde ich gut.
Hermann: Und den Laternenpfahl?
Darja: Peinlich! Mein Mann läuft gegen einen Laternenpfahl. Vielen Dank!
Hermann: Dann also morgen wieder in den Zirkus. Chaos, Geschichte und Deutsch.
Darja: Nein, lass uns heute Nacht auf zwei schwarzen Hengsten durch einen nebligen Wald galoppieren und Tautropfen trinken von den peitschenden Blättern der Zweige. Dabei passiert bestimmt etwas Übernatürliches.
Hermann: Wir versinken in einem Moor, oder werden von Wölfen verfolgt, gegen die wir mit einem Messer um unsere Leben kämpfen.

Darjas Gesichtsausdruck ändert sich, sie spricht mit veränderter Stimme.

Darja: Keine Wölfe. Wilde Hunde, ausgehungert, greifen an.
Hermann: Gefährlich, wenn sie sich zusammenrotten!
Darja: Wenn man verletzt ist, halb verschüttet liegt, hilflos unter einer eingestürzten Wand, wird ein ausgehungerter Straßenhund zum erbitterten Feind.

Schweigen.

Hermann: Ist dir nicht gut?
Darja: Was habe ich gesagt? Ich lese jeden Tag eine Zeitung. Hier gibt es Pferde und Wald. Niedersachsen ist bekannt für Pferde. Im bergigen Land gibt es Ziegen und Esel, im flachen Land Pferde. Liebst du dein Land?
Hermann: Wegen der Pferde? Nur Snobs können sich das leisten.
Darja: Nicht ein bisschen, Niedersachse?
Hermann: Der Wald ist krank genauso wie im fremden Land, darin sind wir international.
Darja: Kein Gefühl? Wie langweilig! Heimat tot?
Hermann: Futter für Geschichte. Die Landesgrenzen gibt's seit neunzehnhundertsechsundvierzig. Davor tausend Jahre Reich.
Darja: Die Festung im See? Die Stapel von Kanonenkugeln? Wer hat auf wen geschossen, Herr Lehrer der Geschichte ohne Heimat?
Hermann: Geschichte braucht Helden für ein Gefühl von Heimat. Die finde ich getrübt wie mein Gefühl zur Heimat.
Darja: Arme Mäusekolonie. Wenn Schwermütige auf dem Boden krabbeln, ist in Niedersachsen kein Platz auf Bürgersteigen.
Hermann: Seit Jahrhunderten Spielball fremder, machtpolitischer Interessen. Daher sind die Eingeborenen hier misstrauisch, vor allem gegen Fremde. Und für sich ein bisschen melancholisch. Das kommt vom Nieselregen. Die Festung Wilhelmstein gilt als "Defensivkunst", Militärstrategie des Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe. Sie ist ein Modell der von ihm propagierten "befestigten Landschaften". Damit meinte er die Perfektionierung der Defensiveinrichtungen. So sollte Krieg praktisch aufgehoben werden.
Darja: Und, hat's funktioniert?
Hermann: Ja, er wurde als Militärberater nach Portugal geholt. Weißt du, was sie hier erfunden haben?
Darja: Überirdische Bunker.
Hermann: Ein Unterwasserschiff, siebzehnhundertvierundsechzig! Das erste U-Boot der Menschheit wurde in Niedersachsen entworfen und sogar gebaut: im Winter siebzehnhunderteinundsiebzig/ zweiundsiebzig auf dem Wilhelmstein, unter strengster Geheimhaltung. Besatzung: acht Mann. Überwasserbewaffnung. Erprobte Tauchzeit: zwölf Minuten.
Darja: Hat die Besatzung überlebt?
Hermann: Das waren echte Niedersachsen.
Darja: lacht Und trotzdem sind sie schon nach zwölf Minuten wieder aufgetaucht?
Hermann: Ich finde das bemerkenswert. Begreifst du nicht? Im achtzehnten Jahrhundert!
Darja: Skurrile Ideen gab es zu jeder Zeit und überall. Kein Grund, sie ausgerechnet hier hervorzuheben.
Hermann: Wie bitte? Vergleichbares ist zu dieser Zeit in keinem Land der Erde geleistet worden.
Darja: Meinst du, weil es nicht überliefert wurde? Vielleicht fanden sie es woanders lächerlich, Männer in eine wasserdichte Tonne zu setzen und so lange im See zu versenken, bis sie darin beinahe ersticken.
Hermann: Willst du bestreiten, dass die Konstruktion eines U-Bootes für das achtzehnte Jahrhundert eine herausragende technische Leistung darstellt?
Darja: Ein geübter Taucher bringt es ohne Tauchtonne beinahe auf dieselbe Zeit. Zwölf Minuten! Jedes Kind spielt in der Badewanne U-Boot mit der Seife.
Hermann: Und wie viele bauen eines?
Darja: Selbstverständlich nur Wunderkinder aus Niedersachsen.
Hermann: Ob es dir gefällt oder nicht: diese Sensation geschah hier. Nicht in Bayern und nicht im Rest der Welt.
Darja: Skispringen wurde auch nicht im Flachland erfunden. Im Gebirge lachen die über dein U-Boot.
Hermann: Ach ja? Wer lacht denn heute über Juri Alexejewitsch Gagarin, erster Kosmonaut im Weltall? Sein Raumschiff war ungefähr eine Havanna Zigarrenkiste mit Raketenhilfsmotor, kubanisches Design. Trotzdem ist das Geschichte, Technikgeschichte, Weltgeschichte!
Darja: Du verteidigst deine Heimat. Also liebst du sie doch.
Hermann: Wer? Ich?
Darja: Lokalnationalist!
Hermann: Ich habe lediglich aus niedersächsischer Geschichte geplaudert.
Darja: Aber dein Humor ist international.
Hermann: Tiefschwarz, böse, sächsisch-britisch.
Darja: Wer sein Heimatland verehrt
Und Haus und Hof und Garten
Dem sind auch seine Freunde wert
Der lässt nicht auf sich warten.
Hermann: lacht Du schnappst Sprüche auf. Oder hast du das etwa selbst gereimt?

Darja zuckt die Schultern, grinst.

Darja: Aus dem Radio.
Hermann: Die Überfahrt zur Festung fand ich so romantisch: Segelboot ohne Segel, aber mit dieseligem Motorantrieb.
Darja: lacht etwas gequält Ich hatte mich darauf gefreut, leise segelnd über das Wasser zu gleiten.
Hermann: Leider in demokratischer Abstimmung von zwölf Touristen auf Kur, die sich gegenseitig beschatten, mit absoluter Mehrheit überstimmt. Die zur Erholung eilig über das Meer, durch die Festung, zurück ins Boot und selbstverständlich auch mit Motorkraft wieder zurück an Land hetzen.
Darja: Pünktlichkeit finde ich besonders rührend, wenn es keinen Grund gibt für rechtzeitiges Ankommen.
Hermann: Sie haben deutlich ein Ziel vor Augen: das Ende des Urlaubstages. Das wird garantiert nicht verfehlt. Zu später Stunde wird der Tag dann rückblickend positiv bewertet und abgehakt. Der gravierende Unterschied zum Arbeitstag: der Tag wird genauso abgehakt, aber schlechter bewertet. Urlaub muss schon etwas Besonderes sein.
Darja: Immer auf der Flucht. Wovor haben sie Angst?
Hermann: Alles muss funktionieren in Deutschland. Das gibt Sicherheit. Wozu den Augenblick im Augenblick genießen? Da kommen Gefühle auf. Es muss funktionieren. Und im Urlaub plötzlich nicht?
Darja: Wir werden hier mit niemandem sprechen und niemandem zuhören.
Hermann: Das muss auch nicht sein.
Darja: Man verbringt gemeinsam Zeit, wenn sich alle an der gleichen Uhrzeit orientieren. Als keine Uhr richtig ging, wie früher bei mir zu Hause, lachten wir darüber. Man muss lachen über die Unvollkommenheit der Welt!
Hermann: In Deutschland ist die Welt vollkommen. Da wird nicht gelacht.
Darja: lacht Ich möchte manche Leute auf der Straße fragen, wer sie beleidigt hat? Sie sehen so aus.
Hermann: lacht Bin ich auch so?
Darja: Nein, du bist ein Witz.
Hermann: Komisch, heißt das.
Darja: Danke, komisch.
Hermann: Du hast recht. So sind wir. Am gerissenen Schuhband hängen wir unsere Wut auf.
Darja: ernst Versprich mir, niemals so traurig zu werden, sonst ...

Schweigen.

Hermann: Sag schon!
Darja: ... töte ich dich.
Hermann: Keine Angst.
Darja: Wirklich?
Hermann: Du wirst nicht aufhören, über mich zu lachen.

2. Bild

Wohnzimmer einer Dreizimmerwohnung. Mehrfamilienhaus in einer niedersächsischen Kleinstadt. Die Einrichtung strahlt Gemütlichkeit und Lebensfreude aus. Kinderspielsachen liegen auf dem Boden. Auf einem Tisch stehen ein Strauß Blumen und eine Flasche, in Geschenkpapier verpackt.
Darja und Hermann, leicht alkoholisiert wirkend, sind gerade von ihrem Ausflug zurück. Sie zieht ihre Jacke aus, wirft sie lässig in einen Sessel. Die Stimme von Hermann, der seine Mutter verabschiedet, aus dem Flur.

Hermann: Danke, noch Mal! Grüß den Vater! Fahr vorsichtig! Wir besuchen euch am Wochenende. Bis bald!

Hermann kommt ins Zimmer, lässt sich auf das Sofa fallen. Darja geht leise in das Zimmer ihres zweijährigen Sohnes. Kommt nach einem kurzen Augenblick zurück.

Darja: Schläft.
Hermann: Vor einer halben Stunde war er noch munter. Die Gute war am Ende ihrer Kräfte. Dein Sohn hat sie den ganzen Tag lang beschäftigt. Ich wollte sie nach Hause fahren. Wirke ich betrunken?
Darja: Deine höfliche Mutter wollte keine Umstände machen.
Hermann: Hoffentlich kommt das Taxi.
Darja: Deine vorbildliche Mutter.
Hermann: Dich hat sie in ihr Herz geschlossen. Und deinen Sohn liebt sie.
Darja: Du sagst immer noch: dein Sohn.
Hermann: Ich finde es lustig.
Darja: Es klingt wie ein Vorwurf.
Hermann: Du bist empfindlich an dem Punkt.

Hermann nimmt das Geschenk der Mutter vom Tisch, entfernt das Geschenkpapier von der Weinflasche und öffnet sie. Darja holt Gläser aus dem Wohnzimmerschrank. Hermann schenkt ein. Sie stoßen an.

Hermann: Das ist Mutterliebe in ihrer reinsten Form.
Darja: Die Wohnung kommt mir so klein vor. Ich bin betrunken.
Hermann: Deine wunderschönen Augen haben sich an die unermessliche Weite des Steinhuder Meeres gewöhnt.
Darja: müde Ich wünsche mir, dass du bald auch meine Sprache lernst.
Hermann: Schon wieder ein Wochenende vorbei! Wenn ich neben dem Unterricht mehr Zeit hätte: Klassenarbeiten, Hefte korrigieren, Elternabende, Konferenzen. Das wird ein Herbst!
Darja: Ich kann mich mit deiner Mutter unterhalten. Deshalb mag sie mich.
Hermann: Gut, also lass uns noch einen Unterrichtsplan für mich machen. Ich verspreche dir, dass ich nicht schwänze.
Darja: Wir fangen sofort an.
Hermann: Zwischen Tür und Angel kann ich keine fremde Sprache lernen.
Darja: Unter welchen Umständen ich Deutsch gelernt habe, bevor ich dich kennen lernte.
Hermann: Wer reist ohne Wörterbuch ins Urlaubsland? Bei dir bestand eine dringende Notwendigkeit.

Schweigen. Hermann räkelt sich auf dem Sofa.

Darja: Du hast mich.
Hermann: Und du hast mich. Es ist einfacher, eine fremde Sprache im fremden Land zu lernen.
Darja: Vielleicht möchte ich, dass wir eines Tages in meine Heimat ziehen.
Hermann: Gut.

Schweigen.

Hermann: Wie lange wird es wohl noch dauern, bis der Krieg da vorbei sein wird?
Darja: Wie lange dauert Wahnsinn?
Hermann: Manchmal bis zum Tod.
Darja: Und daraus folgt neuer Wahnsinn. Es wird noch dauern, bis du meine Familie kennen lernst.
Hermann: Heute vor einem Jahr, wie die Zeit vergeht, warst du nicht sehr traurig, als keiner von ihnen zur Hochzeit kam?
Darja: Nein.

Schweigen.

Darja: Ich muss dir endlich die Wahrheit sagen. Ich hoffe, du verzeihst mir.
Hermann: Schon verziehen.
Darja: Warte!
Hermann: Du machst mich neugierig.
Darja: leise Ich hatte sie nicht zu unserer Hochzeit eingeladen.
Hermann: Sie wussten nichts davon?
Darja: Es ist bei uns nicht üblich, nach nur einem kurzen Jahr der Trauer wieder zu heiraten. Und einen Ausländer!
Hermann: Das verletzt mich, aber es ist nicht deine Schuld.
Darja: Ich bin froh, dass ich es dir endlich gesagt habe.
Hermann: Ich muss dir auch etwas gestehen. Meine Familie denkt, du bist hier wegen des Geldes. Sie denken darüber nach, wie sie verhindern können, dass wir etwas erben. Nur meine Mutter denkt anders.

Schweigen.

Darja: Es ist alles in Ordnung. Ich bin nur schockiert. Aber sie ist gut.
Hermann: Wie eng das alles ist. Grausam eng.
Darja: Ja, sie verhalten sich wie Kinder.
Hermann: Eine meiner Schülerinnen hat einen interessanten Aufsatz geschrieben.
Darja: Erzähl!
Hermann: Ein junges Mädchen bewundert ihren Freund. Sie gehen zusammen aus. Nach einiger Zeit sagt ihr Freund zu ihr: du, hier sind nicht die richtigen Leute. Sie schaut sich aufmerksam um und bestätigt seine Meinung. Dann gehen sie woanders hin. Wieder sagt er nach einiger Zeit zu ihr, du, hier sind nicht die richtigen Leute. Und wieder bestätigt sie seine Meinung und bewundert ihn noch mehr, weil er so kritisch und besonders ist. Einige Zeit lang wiederholt sich derselbe Vorgang immer wieder bei anderen Leuten, an anderen Orten. Bis er eines Tages ausgehen will und sie ihn unwillig fragt, wann sie denn endlich die richtigen Leute treffen werden. Er ist beleidigt. Wirft ihr vor, dass sie immer nur andere Leute kennen lernen will.
Darja: Welche Note hast du ihr gegeben?
Hermann: Eine zwei.
Darja: Mir gefällt der Schluss nicht. Sie sollte schreiben: er will mit ihr ausgehen, sie kommt nicht zur Verabredung, er ruft sie an und sie sagt: geh allein, ich habe die richtigen Leute gefunden. Welche Note hättest du für diesen Schluss gegeben?
Hermann: Das hängt von der Anzahl der Rechtschreibfehler ab.

Schweigen.

Darja: Interessiert dich nicht, ob sie es inzwischen wissen?
Hermann: Das wollte ich gerade fragen.
Darja: Meine Mutter sendet dir ihre herzlichsten Grüße. Die anderen schweigen.
Hermann: Wir werden sie überzeugen.
Darja: Ihr Verhalten kränkt mich.
Hermann: Nichts ist schlimmer, als von der Meinung anderer abhängig zu sein.
Darja: Dafür liebe ich dich. Wie sagt man, sind die Norddeutschen?
Hermann: Intelligent, gut aussehend, charmant?
Darja: lachend Das meine ich nicht. Mir fällt das Wort nicht ein.
Hermann: Geduldig.
Darja: Nein.
Hermann: Stur. Mit dem Kopf durch die Wand.
Darja: lacht Stier. Du bist ein Stier.
Hermann: Wir werden sie überzeugen. Das wird ein Triumph unseres Willens. In dem Zusammenhang darf ich das sagen.
Darja: Deine Mutter und meine Mutter haben die Liebe zu ihren Kindern. Was haben die anderen?
Hermann: Kunst. Defensivkunst. Eine Festung aus Misstrauen. Eine Insel in einem schlammigen See. Was weiß ich?
Darja: Wovor haben sie Angst?
Hermann: Sie wollen recht behalten. Ihr Recht, das sind alle ihre Gewohnheiten und Ansichten. Und ihr Besitz. Wie die Festung im See, der Meer genannt wird, und eine Pfütze der Eiszeit ist. So haben sie ihr kleines Bollwerk eingerichtet, gespickt mit Kanonen gegen Eindringlinge. Dieses Museum der Kriegskunst, das von weitem aussieht wie ein Kriegsschiff im Ozean. Die Mächtigen beherrschen die Meere, die Schmächtigen die Pfützen der Eiszeit. Trostlos gleicht sich Geschichte.
Darja: Eine Entbindungsstation als Museum. Gibt es das? Eine andere Geschichte, an die man erinnert.
Hermann: Ach, die Geburt. Wer erinnert sich denn an seine Geburt? Den Tod haben alle vor Augen. Den wollen sie sehen, in jeder Varietät!
Darja: Ich bete dafür, dass meine Familie überlebt. Und wir werden zusammen glücklich.

Schweigen.

Hermann: Ich wünsche mir ein Kind von dir.
Darja: verlegen Ich brauche noch etwas Zeit.
Hermann: Wozu?
Darja: Bitte frag nicht weiter.
Hermann: Schweigen hilft nicht, wir sind soziale Wesen. Dein Schweigen ist für mich ein großes, dunkles Tor. Verschlossen! Dahinter höre ich dein Weinen. Glaub` nicht, dass ich es nicht höre. Öffne dich mir und weine in meinem Arm!
Darja: leise Das ist die Erinnerung. Die eingesperrte Bestie nutzt jede Gelegenheit zur Flucht. Jeden Tag kämpfe ich gegen sie. Das Tor bleibt zu! Ich will nicht zerfleischt werden.
Hermann: Ich will dich noch besser verstehen können.
Darja: Beschreiben kann ich dir mit dem besten Deutsch nicht, was ich gesehen und erlebt habe.
Hermann: Ich werde deine Sprache lernen. Ich schwöre es, bei meiner Mutter!
Darja: Wenn ich mir ausmale, was dort täglich geschieht, verliere ich meine Kraft zu leben. Ich habe ein Kind. Wir haben es.
Hermann: Du bist hier in Sicherheit.
Darja: Besser die Bestie stirbt langsam an Nahrungsmangel, als ich durch mein Gewissen. Jetzt weißt du`s: ich mache mir Vorwürfe.
Hermann: Man müsste schlimme Erlebnisse löschen können wie irgendeine unbrauchbare Datei in einem Computer. Eine technische Art der Psychohygiene.
Darja: Hermann, du suchst für alles eine Lösung, aber hier hilft wirklich nur Geduld.
Hermann: Ich habe nur einen Wunsch geäußert.
Darja: Was nützt es, Persönlichkeit zu löschen, wenn doch das Schreckliche geschehen ist? Nein, alles, was ich gesehen und erlebt habe, bin ich auch. Es gehört zu mir.
Hermann: Du quälst dich unnötig.
Darja: Ich kann nicht anders sein, als ich geworden bin. Meine Sinne sind geschärft. Ich erkenne friedliche Menschen jetzt, unterscheide sie, sogar auf der Straße, im Vorbeigehen. Und manche, die hier scheinbar friedlich leben, sehe ich mit meinen Augen im Kampfanzug, in der Hand die Handgranate, oder Kalaschnikow. Eine bestimmte Art zu gehen, der Gesichtsausdruck, die Augen, wie sie einen anschauen oder vielleicht ihre Stimme, wie sie sprechen. Das reicht schon aus. Den Hang zur Gewalttätigkeit erkenne ich im Vorbeigehen. Manche warten auf die Gelegenheit. Ich sehe, wie Menschen sind.

Schweigen.

Hermann: Hoffentlich ist deine Verweigerung nicht mangelndes Vertrauen.
Darja: Du bist für mich das größte Projekt "Vertrauen" des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich fühle mich geborgen wie ein Kind, seitdem ich dich kenne.
Hermann: Nur des zwanzigsten Jahrhunderts?
Darja: lächelnd Du Unersättlicher. Selbstverständlich auch des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Er schenkt Wein nach, sie trinken.

Hermann: Das Projekt des einundzwanzigsten Jahrhunderts heißt: Liebe, Liebe, und noch mal Liebe. Eine Love Parade!
Darja: Wieso dreimal. Sag doch ganz schlicht: Liebe. Wenn man das so oft wiederholt, klingt es falsch.
Hermann: Das stimmt nicht. Ich mache das Projekt groß, weil ich will, dass alle so glücklich sind wie wir.

Schweigen.

Darja: Ich habe ein schlechtes Gewissen. Wie geht es meinen Freunden, meinen Eltern, Geschwistern?
Hermann: Ihre Entscheidung zu bleiben.
Darja: Nicht alle können davonlaufen.
Hermann: Wie könnten wir noch mehr für sie tun?
Darja: Lebensnotwendiges gibt es oft nur gegen ausländische Währung.
Hermann: Wir schicken regelmäßig Geld.
Darja: Mutter schrieb mir, dass andere Familien, die die größte Not leiden, neidisch auf sie schauen, obwohl sie immer abgibt und verteilt.
Hermann: Diese Schweine! Ich möchte wissen, wer durch Waffengeschäfte heimlich am Blutvergießen mitverdient. Bestimmt auch deutsche Firmen. Die müssen an den Pranger gestellt werden. Schließlich zahlen wir alle nachher die Rechnung von ihrem Geschäft.
Darja: Pranger? Was bedeutet das?
Hermann: Eine leider aus der Mode gekommene Einrichtung. Im Mittelalter gab es eine amüsante Strafe: die Verurteilten wurden auf dem Marktplatz an einen Pfahl gekettet, den Pranger. Jeder konnte sie beschimpfen, anspucken und was man sich vorstellen kann. Damit jeder sich auf seine Weise Genugtuung verschafft.
Darja: Das trifft meistens Unschuldige.
Hermann: Stell dir vor: ein Waffenhändler wie im Wilden Westen am Marterpfahl. Wäre das schön! Und dann Messer werfen. Manche Medien machen das heute noch so. Nur der Marktplatz ist leider ein anderer.
Darja: Nichts gegen die Verbrechen tun zu können. Das ist der Preis für ein sicheres Leben meines Kindes. Ich wünsche sie in die Hölle.
Hermann: Wochenlang sollten sie neben von ihren Waffen zerfetzten Körpern liegen, Verwesung einatmen, und zum Frühstück ein Gläschen ausgelaufene Leichenflüssigkeit!
Darja: heftig Sei still! Dies ist unser Tag, der schön sein soll.

Sie umarmt ihn und beide tauschen Zärtlichkeiten miteinander aus.

Darja: Und die letzten Stunden besonders schön.
Hermann: Oh, das klingt viel versprechend.
Darja: Es gibt Wünsche, die in Erfüllung gehen.
Hermann: Charmant! Bezaubernd! Wundervoll!
Darja: Wie war es eigentlich mit deiner letzten Frau?
Hermann: peinlich berührt Anders natürlich. Ich will mich gar nicht erinnern. Die Art und Weise, wie etwas endet, wirft Schatten auf alles, was schön war. Vergleiche zwischen Menschen finde ich unmenschlich. ärgerlich Wie kannst du mich so etwas fragen?
Darja: enttäuscht Ich dachte, du sagst sofort, dass es mit mir viel schöner ist. Jetzt bin ich neugierig. Sah sie gut aus? Was konnte sie besser?
Hermann: Sie konnte mir besser auf die Nerven gehen. Da habe ich Pickel gekriegt.

Darja kichert.

Darja: Du hast meine Frage tatsächlich ernst genommen. Und wie du aussiehst! Fürchterlich strapaziert.
Hermann: Mein Waterloo. Sie ist einfach abgehauen.
Darja: Vergleich nicht gestattet? Gut, ich höre auf damit. Lass uns lieber anfangen!
Hermann: gezwungen scherzhaft Manchmal denke ich, du entwickelst Lust am bösen Spaß.
Darja: Dein Verhältnis zu ihr ist für mich ein Rätsel. Dieses Tor hältst du verschlossen.
Hermann: So haben wir beide ein Geheimnis. Wie viel weiß ich denn von deinem früheren Mann?
Darja: Manchmal glaube ich, dass du sie insgeheim noch liebst. Hermann: Hältst du mich für irre, oder für schizophren?
Darja: Du reagierst so empfindlich.
Hermann: Der heutige Festtag provoziert dich wohl. Man sollte eben nicht feiern, sich nichts wünschen, und vor allem nicht zurück schauen. Ist alles Geschichte, Kaffeesatz! Ich brauch` jetzt einen Schnaps.
Darja: lachend Wir räumen ein bisschen auf. Bilanz von einem Jahr. Unserem ersten.
Hermann: Ich fühle mich schon sehr aufgeräumt.
Darja: verführerisch Du siehst aber vielmehr verwirrt aus.
Hermann: Weil du mich auch nach einem Jahr noch wie am ersten Tag mächtig aus der Fassung bringen kannst.
Darja: Meine Grenzen sind nicht eng, und meine Möglichkeiten auch nicht.

Sie tauschen Zärtlichkeiten aus, die an Heftigkeit zunehmen. Hermann will gleich auf der Couch mit Darja schlafen.

Darja: Das quietscht, Hermann. Das Sofa weckt den Jungen auf.
Hermann: Dieses Möbelstück mache ich morgen zu Kleinholz.
Darja: Ich habe das Bett frisch bezogen, wie vor unserer Hochzeitsnacht.
Hermann: grinst Ehrlich gesagt, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Darja entwindet sich seiner Umarmung, geht zur Schlafzimmertür.

Darja: Warte einen Augenblick. Ich rufe dich.

Darja verschwindet im Schlafzimmer, Hermann schwelgt in einem Zustand der Vorfreude.

Darja: aus dem Schlafzimmer rufend Kannst kommen!

Hermann zögert den Augenblick, bevor er ins Schlafzimmer geht, genießerisch hinaus. Als er hinein gehen will, klingelt es an der Wohnungstür. Hermann bleibt wie erstarrt stehen.

Hermann: Welcher Idiot klingelt um diese Zeit?
Darja: Freunde von dir? Soll ich mir etwas anziehen?
Hermann: Auf keinen Fall.

Es klingelt erneut, eindringlich.

Darja: genervt Vielleicht hat jemand seinen Schlüssel vergessen.
Hermann: Der ist draußen besser aufgehoben.

Es klingelt wieder.

Hermann: Ich habe niemanden eingeladen. Wir machen nicht auf.
Darja: Vielleicht ein Notfall.
Hermann: Der Tüchtige hilft sich selbst.

Es klingelt wieder.

Darja: Jemand weiß, dass wir zu Hause sind.
Hermann: Dieser jemand braucht jetzt einen überzeugenden Grund, sonst wird er erleben, wie ich aus der Haut fahre.

Hermann eilt in den Flur. Darja kleidet sich hastig wieder an. Sie lauscht in Richtung Flur. Hermann kommt ins Wohnzimmer.

Hermann: erstaunt Jemand für dich. Ich habe durch die Sprechanlage nur deinen Namen verstanden.

Darja geht zur Wohnungstür. Hermann bringt vor einem Spiegel seine Kleidung in Ordnung.

Darja: Victor. Er will Grüße übermitteln.
Hermann: Victor?
Darja: Soldat wie mein Bruder. Von der Front.
Hermann: Und, ist er wieder weg?
Darja: Ich habe ihn herein gebeten. Er kommt über die Treppen herauf, der Fahrstuhl funktioniert nicht.
Hermann: Donnerwetter! Kennst du ihn?
Darja: Nein.
Hermann: Ja, und?
Darja: Ich weiß nicht.
Hermann: Will der bleiben?
Darja: Er ist auf der Durchreise. Er wird vielleicht spät in der Stadt angekommen sein und nicht wissen, wo er übernachten soll.
Hermann: Sein Problem.
Darja: horchend Wir müssen einem Freund meines Bruders auf jeden Fall Gastfreundschaft bieten. Er kommt.

Darja verschwindet im Flur. Hermann zündet sich eine Zigarette an, setzt sich auf die Couch und entfaltet die Sonntagszeitung. Darja und Victor kommen herein. Victor begrüßt Hermann in einer fremden Sprache.

Hermann: gestikulierend Guten Abend! Leider spreche ich ihre Sprache nicht. Meine Frau hat schon geschlafen. Sie ist sehr müde.
Victor: Guten Abend! Ich spreche Deutsch.

Hermann legt die Zeitung weg und gibt Victor die Hand.

Hermann: überrascht Das freut mich. Ich habe Sie durch die Sprechanlage nicht verstanden. Entschuldigen Sie! Bitte, nehmen Sie Platz! Möchten Sie etwas trinken?

Darja hält sich im Hintergrund. Sie wirkt ängstlich. Hermann schaut sie verblüfft an. Victor bemerkt seinen Ausdruck.

Victor: lächelnd Entschuldigen Sie, dass ich so spät komme. Viele Probleme mit dem Auto, und dann bin ich den falschen Weg gefahren. Da habe ich in einem Restaurant gefragt, die haben mir den Weg gezeigt, aber es war wieder der falsche. Gestern Abend bin ich losgefahren. Nur eine kurze Pause, auf der Autobahn Reifen wechseln.
Hermann: Das kann ja mal passieren.

Hermann bietet Victor ein Glas Wein an.

Darja: Ich danke Ihnen, dass Sie einen Umweg gemacht haben, um mich von meinem Bruder zu grüßen. Hoffentlich geht es ihm gut?
Victor: Es geht ihm gut. Er kämpft für seine Heimat.

Schweigen. Darja, verlegen und nervös.

Hermann: Wo haben Sie die deutsche Sprache so gut gelernt?
Victor: Ich habe gearbeitet in Deutschland. Vor dem Krieg.

Schweigen.

Hermann: Wissen Sie, ich bin Pädagoge...
Darja: Geht es Alek wirklich gut, ich meine, ist er gesund?

Victor ist überrascht, dass Darja ihren Mann in seiner Rede unterbrochen hat.

Victor: Ja, er kämpft an der Front. Sie sind Lehrer?
Hermann: Deutsch und Geschichte. Deshalb bin ich erstaunt, wie gut Sie Deutsch können. Morgen beginnt früh mein Unterricht.

Schweigen.

Darja: Gibt es schlechte Nachrichten?
Victor: Nicht für deine Familie.
Darja: Sie sind nicht gekommen, um mir eine...
Victor: Nein. Alle leben. Ich bin froh, dass ich keine Todesnachricht bringen muss.

Victor lacht, Darja entspannt sich.

Darja: Herzlich willkommen, Victor! Jetzt bin ich glücklich. Das ist das schönste Geschenk. Ich möchte feiern.

Sie umarmt Victor. Hermann schaut überrascht zu.

Hermann: Champagner! Jetzt trinken wir Champagner.
Victor: Bitte! Ich bringe Grüße.

Victor zieht eine Flasche Schnaps aus der Manteltasche hervor.

Hermann: Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Schnaps, das war sein letztes Wort!
Darja: gerührt Das ist ein gutes Zeichen. Mein lieber Bruder! Dass er seiner Schwester Schnaps schickt. Der ist so teuer. Bestimmt hat Mutter, um mir zu zeigen, dass die Familie ...

Darja kann vor Rührung nicht weiter sprechen.

Hermann: Zum Glück muss ich morgen nicht zur ersten Stunde in der Schule sein.

Hermann stellt Schnapsgläser auf den Tisch. Victor schenkt den Schnaps ein.

Darja: überschwänglich Ich danke Ihnen noch einmal von Herzen, Victor! am Schnaps schnuppernd Zu Hause mochte ich keinen Schnaps, aber hier duftet er. Wie mein Vater an einem Feiertag. Bitte, Victor, bleiben Sie ein paar Tage bei uns. Ach, ich hatte vergessen, Sie sind ja auf der Durchreise.
Hermann: Ich heiße Hermann. Duzen wir uns?

Hermann bietet Victor seine Hand an. Der greift nach einem Glas.

Victor: Ja, du. In Deutschland sagt man Prost!

Sie stoßen an.

Hermann: Ich freue mich besonders für meine Frau. Sie möchte den Kontakt zu ihrer Heimat nicht abbrechen lassen. Du bist auf der Durchreise?
Victor: Ich fahre nach Berlin und Prag.
Hermann: Über Nacht musst du als unser Gast hier bleiben. Wir wecken unseren Sohn auf, dann kannst du im Kinderzimmer schlafen. Die Reise war bestimmt anstrengend.
Victor: Ich fahre oft.
Darja: Hermann, ...
Hermann: Ein bisschen ausruhen muss jeder Mensch. Immer fahren ist gefährlich. Das hält der stärkste Mann nicht aus. Müdigkeit, zusammen mit Alkohol, bilden eine gefährliche Mischung: man gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch andere Verkehrsteilnehmer. Da wollen wir uns nicht dran beteiligen, oder?

Victor gibt eine neue Runde Schnaps aus. Sie stoßen erneut an.

Hermann: Prag soll eine schöne Stadt sein. Dass ich noch nicht da war, wundert mich selbst.
Victor: Prag ist für Touristen. Du musst fahren.
Hermann: New York ist meine Stadt. Darja, in den nächsten Schulferien fahren wir mal nach Prag.

Schweigen. Victor gibt eine neue Runde Schnaps aus.

Victor: Prost Prag!
Hermann: Auf Prag!
Darja: kichernd Ich möchte tanzen.
Hermann: Mach dir Musik an! Wenn die Nachbarn wegen der Lautstärke die Polizei rufen, machen wir sie eben wieder aus.

Hermann lacht über seine eigene Courage. Darja kichert, Victor lacht mit. Darja schaltet die Stereoanlage ein.

Victor: Deutsche Polizei gut?
Hermann: Ja, sehr gut. Wenn du das Auto falsch parkst, erwischen sie dich garantiert. Du zahlst hohe Strafgebühren, viel Geld. Hast du ordentlich geparkt?
Victor: Ich habe Geld.
Hermann: Bereichern sich aber Politiker und Wirtschaftsbosse auf unsere Kosten, ist die Polizei blind auf beiden Augen. Die Verbrechen fallen im Polizeidienst nicht auf. Nein, das stört auch den Bürger auf der Straße nicht. Erst, wenn wir Historiker analysieren, was in der Vergangenheit verbrochen wurde, dann setzt es Jammern und Wehklagen. Aber zu spät!

Victor und Hermann lachen und füllen die Gläser. Darja spielt Musik aus ihrer Heimat und tanzt dazu. Victor wirft ihr bewundernde Blicke zu. Hermann und Victor stoßen erneut gemeinsam an.

Hermann: Jetzt muss ich den Champagner trinken. Heute sind wir total international!
Victor: A Votre Santè!
Hermann: Nastrovje!

Hermann geht schwankend in die Küche. Darja fordert Victor zum Tanz auf. Sie tanzen einen Tanz aus ihrer Heimat. Hermann kommt mit der Flasche Champagner und entkorkt sie. Sie stoßen wieder an.

Hermann: Ein Bombengesöff! lacht Ich habe Lust auf Braunkohl mit Bregenwurst. Hirn braucht der Mensch! lacht Adolf Hitler dachte expansiv, aber das Hirn wuchs nicht mit.

Hermann lacht lauthals. Darja und Victor kümmern sich nicht um ihn.

Hermann: Kennt jemand einen Hitlerwitz?
Darja: Hermann, der Kaffee brennt an.

Darja lacht wie vorher Hermann. Victor lacht mit. Hermann nicht.

Hermann: Aber Judenwitze kennt ihr.
Darja: lachend Jetzt tanzt ihr Männer!
Hermann: Und wer führt?
Victor: Wo habe ich diese Musik gehört? Das war vor vielen Jahren. Sie erinnert mich an eine andere Zeit.
Hermann: Dazu soll ich tanzen?

Hermann dreht sich unbeholfen im Kreis. Victor tanzt mit gekonnten Schritten. Darja betrachtet Victors Tanzen anerkennend und lacht über Hermanns unbeholfene Versuche. Hermann gibt nach kurzer Zeit auf, setzt sich und leert ein weiteres Glas Champagner.

Hermann: Die Musik gefällt mir, aber ich habe die Tanzschritte nicht gelernt.
Darja: Komm, ich zeige sie dir.
Hermann: Vorher trinken wir beide auf uns.
Darja: Nein, dann sind wir betrunken.
Hermann: Du willst an unserem Hochzeitstag nicht mit mir anstoßen?
Darja: Komm, wir tanzen!
Hermann: Du willst über mich lachen.
Darja: kichernd Ich lache nicht über dich.

Darja versucht, einen Lachkrampf zu unterdrücken.

Hermann: Ich muss wohl heute noch aus der Haut fahren.

Darja verschluckt sich. Victor hört auf zu tanzen und kümmert sich um sie. Hermann trinkt.

Hermann: Der Husten kommt nicht vom Rauchen. lacht, während Darja hustet.
Darja: zu Victor Danke!

Victor gibt ihr ein Glas Schnaps.

Victor: Das macht alles besser.
Hermann: Gleich ist sie betrunken.

Hermann geht schwankend zur Stereoanlage, um andere Musik zu spielen.

Darja: Es geht schon besser.
Hermann: Spaß muss sein. Für die Nachbarn auch.

Er stellt seine Musik auf maximale Lautstärke.

Darja: Nicht so laut!
Hermann: Alle auf die Tanzfläche!

Hermann tanzt allein. Musik mit Text von: "Als die Römer frech geworden...".

Hermann: Gefällt euch die Musik nicht?
Darja: Ich bin müde, Hermann.
Hermann: Gleich singe ich selbst.
Victor: Deutsche Musikgruppe?
Hermann: Ja, sehr erfolgreich. International.
Victor: Gefällt mir.
Hermann: Ich schenke sie dir. Du hast uns eine so große Freude gemacht, du sollst nicht mit leeren Händen gehen.

Hermann nimmt die CD aus der Stereoanlage und gibt sie Victor.

Victor: Danke!
Hermann: Du kannst sie während der Fahrt im Auto hören.
Victor: Vielen Dank!
Hermann: Hast du ein Abspielgerät im Auto?
Victor: Ein Radio.
Hermann: Willst du damit die CD abspielen? Warte, ich schenke dir das Gerät dazu.

Hermann öffnet einen Schrank und nimmt ein verpacktes Gerät heraus.

Hermann: Zwanzig Watt. Mit Batterien. Original verpackt und unbenutzt. Ideal im Auto. Das probieren wir gleich aus.

Hermann packt das Gerät aus.

Darja: zu Victor Du kannst heute Nacht in unserem Schlafzimmer übernachten. Die Bettwäsche habe ich frisch gewechselt.
Victor: Nein, ich möchte euch nicht stören. Schlafe hier auf dem Sofa.
Darja: Es tut mir leid? Wenn ich meinen Sohn aufwecke, schreit er die ganze Nacht.
Victor: Ich freue mich, dass ich nicht weiter fahren muss.
Darja: Wie lange kannst du bleiben?
Victor: Morgen fahre ich.
Darja: Ich hole Kissen und Decken.
Victor: Danke!

Darja geht ins Schlafzimmer.

Hermann: ärgerlich Es funktioniert nicht.
Victor: Trinken wir?
Hermann: Bevor ich mich aufrege. Kann mir das nicht erklären. Jetzt denkst du, ich will bloß meinen Technikschrott loswerden.
Victor: Nein. Danke.

Sie trinken. Hermann, betrunken, versucht sehr deutlich zu sprechen.

Hermann: Du bist mir sympathisch. An euren Schnaps kann man sich auch gewöhnen.
Victor: Die Flasche muss leer sein.
Hermann: Ihr trinkt das Zeug wie Wasser.
Victor: Das glaube ich nicht.

Darja kommt mit Decken und Bettwäsche und bereitet ein Bett.

Hermann: Beweisen kann ich es dir nicht, weil die Statistiken fehlen. Zwar zweifele ich an jeder Statistik, aber ich kann mir anders keinen Überblick verschaffen. Soll ich von Haustür zu Haustür laufen, die Bürger befragen? Das glaube ich nicht, ist nicht einleuchtend. Beweisen muss man können, wenn man etwas behauptet. Das ist ein Grundprinzip wissenschaftlicher Arbeit. Wo kommen wir hin, wenn jeder alles behaupten kann, ohne es beweisen zu müssen? Verstehst du?
Victor: Sehr gut.
Darja: Hermann, hilf mir bitte!

Hermann möchte das Schlafsofa in ein Bett verwandeln. Durch seine Betrunkenheit werden die Versuche zu Slapsticknummern. Darja gelingt es schließlich. Hermann lässt sich lachend in dieses Bett fallen.

Hermann: betrunken Komm ins Bett, Geliebte!
Darja: kichernd Hermann, bist du blöd?
Hermann: Gute Nacht!
Darja: Steh auf, Hermann!
Hermann: verschlafen Noch zehn Minuten!

Hermann schläft ein. Darja versucht, ihn zu wecken.

Darja: Entschuldigung! Bitte erzähl es nicht meiner Familie. Sie sollen nicht über ihn lachen.
Victor: Ich bin schuld.
Darja: Versprich es mir!
Victor: in einer fremden Sprache Ich verspreche es.
Darja: Du bist gekommen, um mir Glück zu bringen.
Victor: lachend Du sprichst wie eine Deutsche, aber denkst du auch so?
Darja: Hoffentlich muss er sich nicht übergeben.
Victor: Ich möchte mit dir reden. Jetzt gleich.
Darja: Also schläfst du im Schlafzimmer.
Victor: Ich halte mein Versprechen.

Er nimmt Hermann wie ein Kind auf den Arm und trägt ihn ins Schlafzimmer. Darja betrachtet ihn bewundernd. Victor kommt ins Wohnzimmer zurück. Darja verabschiedet sich hastig von ihm.

Darja: Ich wünsche dir eine gute Nacht!
Victor: in einer ausländischen Sprache Ich muss mit dir reden.
Darja: Jetzt bin ich zu müde. Ich werde sehr früh aufstehen. Beim Frühstück unterhalten wir uns.
Victor: Wie du willst. Ich muss dir von deiner Familie erzählen.
Darja: Morgen haben wir Zeit. Gute Nacht!

Darja schließt hinter sich die Schlafzimmertür. Victor stößt leise einen Fluch aus. Er trinkt aus der Schnapsflasche, nimmt eine Pistole aus seiner Manteltasche und versteckt sie unter dem Kopfkissen. Dann legt er sich angezogen auf das Bett.

3. Bild

Im Wohnzimmer, Victor schlafend. Vorsichtig wird die Schlafzimmertür geöffnet. Darja im fahlen Lichtschein im Nachtgewand. Sie betrachtet Victor einen Augenblick lang, dann wendet sie sich leise in Richtung Flur. Victor schreckt auf und bedroht sie blitzschnell mit der Pistole. Darja bleibt erschrocken stehen.
Spiel und Beleuchtung erscheinen unwirklich, wie ein Traum.

Victor: in einer fremden Sprache Halt, Ratte!
Darja: Darja, ich bin ... .
Victor: Schleichst in der Nacht?
Darja: Verzeihung! Ich weckte
Dich auf, mein Weg
Durch das Zimmer.

Victor setzt sich.

Victor: wütend Geh, dein Leben ist
Nichts wert, wenn du es wieder freundlich
Nicht aushältst!
Darja: Eine Waffe?
Victor: Gewohnheit.

Darja geht vom Wohnzimmer in den Flur. Victor bleibt im Halbdunkel in einem Sessel und versteckt die Pistole unter einem Kissen. Darja kommt zurück. Victor beobachtet sie.

Victor: Schlafe nicht.
Darja: Ich habe Schuld.
Victor: befehlend Setz dich!

Darja, verblüfft über seinen unfreundlichen Ton, setzt sich in einen Sessel.

Victor: Du hast Angst.
Darja: Ich will nicht.
Victor: Wie du sprichst!
Darja: Wie?
Victor: Was du für eine bist.
Darja: Das ist...
Victor: Dein Mann, er
Hat mich beleidigt.
Darja: Er war freundlich.
Victor: Aus der kasachischen Steppe,
Ich! Denken die,
Solche wie er,
Denken das immer.
Darja: Wir nicht.
Victor: Sprich deine Sprache!
Darja: Gute Nacht! Schlafe.

Darja steht auf, will ins Schlafzimmer zurück.

Victor: In deiner Heimat
Schläft niemand, die Lage
Ist schrecklich.
Darja: Vor jedem Brief,
Zittere ich, bei jedem Anruf.
Victor: Es gibt Krankheiten, die ich
In meinem Leben zum ersten Mal sah.
Darja: Alek, mein Bruder.
Victor: In Deckung spielen wir
Karten und Würfel, rauchen,
Keiner spricht von zu Hause, nur
Manchmal, erfährt man, wenn
Schmerzen groß sind, dass eine
Nachricht vom Töten der Feinde
Den Überlebenden erreicht hat.
Darja: So steigert Wut sich,
Getrieben von Verlust.

Schweigen.

Victor: Willst du nichts wissen?
Darja: Ich?
Victor: Die Organisation, der du
Noch immer gehörst.
Darja: bestürzt Ich? Trat aus.
Victor: Namen, wer das erlaubte,
Wie heißt er?
Darja: Darja, ich selbst.

Schweigen.

Victor: Du selbst.
Darja: Ich, meine Gründe.
Victor: Wir vergessen, setz dich,
Auch nicht unsere Kämpfer, die
Aus Furcht vor dem Feind ihre Sprache
Und Nationalität in der Fremde verleugnen. betont freundlich
Wir sprechen alle Sprachen.

Victor drückt Darja in den Sessel.

Darja: spöttisch Du? Was
Willst du von mir?
Victor: Was ich will ist eines, Sie
Etwas anderes, ich will
Dir gefallen, sie nicht.
Darja: Kennst meinen Bruder?
Wie wütend er mich,
Seine Schwester beschützt?
Victor: Er schickte mich nur
Aus Sorge um dich.
Darja: Und vertraute. Dir?
Victor: An der Front
Vertrauen wir gegen den Feind.
Darja: Hast einen Schlafplatz.
Victor: Bin deinetwegen hier.

Schweigen.

Victor: Eine Frau, wichtig im Kampf wie du,
Werden wir immer vermissen.
Darja: Was ich dort machte,
Ehrgeiz hatte ich nicht.
Victor: Oh, Erfolg ohne Ehrgeiz?
Tiefen Eindruck hinterließ
Deine Bescheidenheit.
Man erinnert sich wohl,
An deinen Mut.
Darja: Woher die Befehle kamen, sagte ich
Nicht Auf Wiedersehen! Aber meine Weise
Kennen sie, sonst kennen sie mich nicht.
Victor: Man spricht sehr gut von dir. Sehr.
Darja: Nicht mit Verachtung?
Victor: Vermisst dich.
Darja: Sie haben viele Gesichter.

Schweigen.

Victor: Du hast wieder geheiratet, schön,
Einen Deutschen. Warum?
Darja: Er gefällt mir.
Victor: Die schwache Frau bist du nicht, aber
Arm. Du und der reiche Mann?
Darja: Wie ihr denkt, so denke ich nicht.
Victor: Dein Bruder verkennt dich, er
Erzählte von deinem Stolz.
Darja: Er redet von mir? Vor dir?
Victor: Der vom Feind getötet wurde, dein Mann,
Ist für viele ein Vorbild im Kämpfen,
Besonders für deinen Bruder.

Darja nachdenklich, betroffen.

Darja: Es freut mich, dass der Vater
Meines Kindes nach seinem Tod
In gutem Gedenken verbleibt.
Victor: Bedauerlicherweise nicht bei allen.

Schweigen.

Victor: Unfehlbar ist kein Mensch.
Darja: Er war ein Patriot, so fiel er.
Victor: Auch Patrioten haben Schwächen.
Darja: Nicht er als Patriot.
Victor: Etwa als Mann?

Schweigen.

Darja: Als unser Gast hast du
Rechte. Aber uns beleidigen?
Victor: Die dich lieben, an dich
Denken, sich sorgen, ich
Spreche nicht für mich.
Ob du erholt bist,
Bereust
Deine Flucht?
Darja: Wer?
Victor: Kein Feind.
Darja: Sag den Namen!
Victor: Geheim!
Darja: Mit wem soll ich streiten?
Mit dir? Mein Entschluss,
Dem Krieg und seinen Dienern
Adieu zu sagen, belästigt
Die kriegerischen Köpfe?
Berichte ihnen, dass ich
Ohne euren Krieg sehr wohl
Mich fühle.
Victor: Unser Volk steht enger zusammen denn je.

Schweigen.

Victor: Dein Glück bringt
Uns den Frieden nicht.
Darja: Töten auch nicht. Danke!
Bevor ich wieder schlafe, dir
Ein Militärgeheimnis:
Morgen verlangt mein Sohn
Seine ausgeschlafene Mutter!
Victor: Bleib und hör zu!
Darja: Bringst doch schlechte
Nachricht? Ich ahnte, bin bereit.

Schweigen.

Victor: Dein leichtes Leben macht
Dir ein schlechtes Gewissen.
Darja: Machen dir
Mein Sorgen Freude?
Victor: Deine Familie hat
Probleme, wer
Hätte die nicht
In dieser Zeit
In unserem Land?
Darja: Und?
Victor: Sie leiden.
Darja: Ich schicke Geld,
Gott ist mein Zeuge, alles,
Lebensmittel, Medikamente,
Kleidung, mehr
Kann ich nicht.
Victor: Alles?

Victor nimmt die Flasche Champagner und leert sie in einem Zug.

Victor: Hier lebt es sich, wie
Heißt die Marke?
Nicht schlecht.
Darja: Hier ist kein Mangel, aber
Darüber auch keine Freude.
Victor: Man
Versteht nicht.
Darja: Hermann
Weiß nicht, wie viel
Ich schicke.
Victor: spöttisch Kaufst dich frei.
Darja: Wer schickt dich?
Victor: Alle.

Schweigen.

Victor: Unseres Volkes Siegeswillen gibt
Kämpfer wie dich niemals auf.
Darja: Stirbt dieser Wille,
Überleben mehr.
Victor: Der Preis, die vielen Toten,
Für Unterwerfung?
Darja: Was sie wissen. Sag es sofort!
Victor: Nachricht vom Tod
Deiner Brüder, was,
Wenn Sie eintrifft?

Schweigen.

Darja: Trauer. Wie
Um den Mann.
Victor: Den du so schnell
Sorglos vergisst.
Darja: In seinem Sohn lebt er,
Sehe ihn täglich.
Victor: Für wen opferst du arme?
Für den Sohn, für den Mann?
Feiernd im Reichtum, protzend,
Prunkend, privat!
Darja: Unser Festtag.
Victor: Ihr feiert.
Darja: Ich hungerte schon um Geld,
Allein mit dem Kind. Vorher.
Victor: Im Luxusbett des Westens?
Schaler Champagner! Das
Ansehen deiner Familie, Darja,
Wirst ihnen gefährlich.
Darja: Ich? Du sagst, ich?
Victor: Spendest ein übriges Geld,
Sie lassen ihr Blut.
Darja: Zahlte ich nicht mit seinem?
War ich nicht Witwe?

Schweigen.

Victor: War, wie wahr!
Wie kann ich von dir
Berichten, zu Hause,
Ohne zu lügen?
Darja: Wer bedroht meine Lieben, wer?
Victor: Niemand.
Wenn ich dein Leben hier
Verschweige.

Schweigen.

Darja: Habe mein Leben hier. Hier!
Langsam werde ich
Nicht mehr fremd sein.
Vorurteile gab es
Einer war davon frei:
Das ist Hermann!
Victor: verächtlich Du eine Deutsche? Schande!
Es fallen so viele.
Darja: Weil ihr sie opfert. Wofür?
Victor: Sprichst wie die Feinde
Ihre Meinungsmaschine,
Verrat!

Schweigen.

Darja: Ich rede frei.
Victor: Kennst du die Ziele
Unseres Kampfes?
Darja: Was du verlangst! Oder sie.
Bloß neue Befehle sind eure Ziele.
Victor: Nicht so. Nehme dich
Und das Kind mit.

Darja, entsetzt.

Victor: Töte ich den Deutschen gleich,
Passieren wir sicher die Grenze,
Und sind zu Haus!
Darja: Ein schlechter Scherz
Aus eurem Schlachthaus?
Victor: Keine Probleme. Kann sein,
Dass ich dich auch begehre.
Darja: Ich kann nicht mehr mich
Mit dir unterhalten.

Darja will aufstehen. Victor hindert sie daran.

Victor: Dass ich mit einer wie dir überhaupt
Noch rede. Warum soll ich ihn einerseits nicht
Töten in einem fremden Land und andererseits
Machst du mir hier vielleicht keine Probleme?
Darja: Grüße? Von meinem Bruder Alek?

Darja schreit. Victor, überrascht, hält ihr den Mund zu.

Victor: Dein Kind schreit, sei ganz ruhig, doch
Die ganze Nacht, wenn du es aufweckst, du
Verstehst nicht, deshalb denkst du schlecht
Von mir. Darja, dein Mann, der Vater deines Kindes
Lebt. Und wenn du schreist, bist du tot.

Victor nimmt Darja auf den Arm, trägt sie wie ein Kind durch den Raum, der im langsam heller werdenden Licht sich von dem dunklen Wohnzimmer in eine Ruinenlandschaft verwandelt. Die Wände fallen wie ein Kartenhaus, die Einrichtung des Wohnzimmers liegt darin verstreut. Schließlich setzt er sie behutsam ab. Darja gewinnt langsam ihre Fassung zurück. Victor betrachtet sie aufmerksam.

Darja: Wer schickt dich? Sag
Nicht mein Mann, der tot ist,
Das glaub ich dir nicht.
Victor: Bergbauern fanden ihn,
Nach einem Vorstoß der Feinde,
Hinter dem Frontverlauf.
Erkannten an seiner Weste einen,
Der schwer war verwundet worden
Für ihr Recht. Nahmen Ihn mit
In die Berge, und mit Hilfe
Eines Arztes, der zu ihnen Geflüchtet,
Pflegten sie ihn viele Monate lang.
Darja: Träume ich von Zeitauflösung?
Victor: Als langsam, sehr langsam
Zurück aus der Nähe des Todes,
Wieder Leben in seine Augen kam,
Erinnerte er sich an nichts. Lebte
Bei den Bauern, die ihre Verstecke
Häufig wechselten, weil die Front
Sich mal in die eine, mal in die andere
Richtung verschob.
Darja: sich an einen grauenvollen Anblick erinnernd
Der Tote, verstümmelt, verbrannt,
Sehe ihn hier, taumelnd vor Trauer,
Ich, meine Sinne, verlierend
Damals, als ich getroffen
Zusammenbrach.

Darja weint lautlos.

Victor: Er sprach nicht.
Dann, eines Tages, Gott hatte
Erbarmen, gab ihm die Stimme
Wieder und seinen Verstand.
Da sagte er eines Tages,
Jetzt höre! Er sagte nur: Darja!
Darja: Es ist vom Totenreich ein Traum, du bist
Geschickt von dort als Bote. Er starb.
Victor: Er verlangt nach
Seiner Frau und seinem Sohn.
Darja: Seinem Sohn? Meinen Sohn?

Schweigen.

Victor: Unser Land ist stolz auf dieses Wunder.
Es beweist, dass hohe Mächte sich
Auf unsere Seite neigen.
Darja: Ihr Dämonen tanzt im Feuer,
Lasst mir meinen Sohn!
Victor: Dein Hermann ahnt nicht,
Dass du ihn von Anfang an betrügst.
Da möcht ich lachen!
Darja: Die Toten marschieren,
Marschieren mit im Heer der Täter,
Sie brüllen Rache!

Schweigen.

Darja: Nie habe ich dich verlassen! Hier,
In meinem Herzen bist du, hier ist dein Grab.
Victor: Freust du dich nicht?
Darja: Wird er die Grabkammer öffnen,
Zerreißt er mein Herz.

Schweigen.

Victor: Darja, wach auf, dein Mann,
Der Vater deines Kindes, lebt!

Schweigen.

Darja: schreit Wie ich euch hasse!

Victor schlägt ihr ins Gesicht.

Victor: Unsere Feinde hassen uns!

Schweigen.

Darja: Gibt es einen
Weg, lebendig Tote,
Lebendig tot zu halten?
Victor: Lebendig hält sie
Unsere glorreiche Nation.
Darja: Sie sollen ruhen!
Victor: Ewiges Leben unseren Helden!

Schweigen.

Darja: Was gründet, außer Hass
Von Opfern, die Nation?
Victor: Wir sind zusammen
Unbesiegbar.
Darja: Parolen! Als Zusammenhalt?
Victor: Dein Mann beweist uns
Die schicksalhafte Wahrheit.
Darja: Männer, Frauen, Kinder,
Zielscheiben für Geschütze,
Richtpunkte Kirchturmspitzen.
Ist das euer Gemeinsinn?
Victor: Diese Wahrheit darfst
Du nicht verraten.

Schweigen.

Darja: Nicht meinen Sohn!
Victor: Dem Vater den Sohn!

Schweigen.

Victor: Bringe ich dir etwa
Nachricht vom Sterben?
Darf es noch schöner sein?
Darja: Ihr habt einen Pakt,
Das habe ich im Krieg gelernt,
Mit euren Toten. Welche Absicht
Verfolgt ihr mit mir?
Victor: Ihm wünschen wir Glück, dem
Frontsoldaten! Nun zurück zur Familie.
Darja: Ich war wie er: leider
Für den Krieg!

Schweigen.

Victor: Ein Beispiel ist er uns allen,
Überlebenswillen unserer Nation.
Darja: Helden braucht ihr,
Weil ihr feige seid!
Victor: Er wurde mutig an der Front.
Darja: Rannte blind begeistert
Für euch Blender in den Tod.
Victor: Und siegte, da er lebt.
Darja: Ich, seine Frau,
Verlor.

Schweigen.

Victor: Wie Könige werdet ihr leben,
Für Staatshelden ist gesorgt.
Darja: Ich lebe, und ihr
Lebt nur in Illusionen.
Victor: Verrat! Sie will sich nicht
Belohnen.
Darja: Eure Gesetze, die Zwangs-
Jacken, passen mir nicht.
Victor: Wie einer dummen Fliege:
Die Todesstrafe dir!

Schweigen.

Darja: Geheime Polizei, gegründet,
Lange vor dem Krieg. Gib zu,
Ihr habt ihn vorbereitet, um alte
Rechnungen zu begleichen.
Verräter nennt ihr eure Opfer,
Die eure Willkür tötet.
Du bist, ich weiß, ihr Werkzeug.
Victor: beschwörend Darja! Für dich
Kämpfte er, für eure Zukunft als
Familie: Kind, Liebe, Vaterland.
Darja: kalt Wie ein Idiot!
Victor: Sein Lebenswille,
Wie der unseres Volkes,
Ist immer nur auf euch gerichtet:
Die Familie. Du musst zurück.
Darja: Sein Gesicht, sein Lachen,
Kommt nie mehr zurück
Von eurer Front.
Victor: Wenn der Soldat
Gelernt hat zu vergessen, lächelt er
Gleich nach dem Gefecht.
Darja: Das lachende, das ich liebte,
Verschwand. Ich wurde krank.
Victor: Die Schönheit deiner Heimat bleibt nicht,
Wenn wir verlieren. Die Musik, die Tänze,
Die Berge, deren felsiges Gestein weiß
Leuchtet in der Sonne. Die Gesichter.
Erinnere dich! Es gibt kein schöneres Land,
Nichts schöneres, dafür zu kämpfen.

Schweigen.

Darja: Angst, Misstrauen, Lärm
Von Schüssen, der an den Bergen
Widerhallt, verstörte Menschen,
Zerstörtes Land. Meine Liebe, zerstört.
Victor: Alle wünschen deine Rückkehr.
Lieben dich. Ich will den Deutschen lassen,
Wenn du mitkommst. Bevor er erwacht,
liegt hinter uns die Grenze. drohend Zögerst du,
Bleibt eure Trennung für ewig.
Darja: Hermann.
Victor: Oder willst du, dass vor Gericht,
Der Heimkehrer muss seine Liebsten zerren?
Heiratsschwindlerin, schreibt dann die Presse!
Begreife, dein Leben hier ist aus.
Darja: Meine zweite Heimat Deutschland,
Mir auch noch zerstört?
Victor: Ein Traum, auch wenn er schön war,
Lässt sich vergessen.
Darja: Wach auf, Darja, nicht!
Victor: Kätzchen, kein Traum.
Darja: stockend Alle, sagst du,
Wollen meine Rückkehr, was
Sagt dazu meine Mutter?
Victor: Sie sehnt sich, will,
Dass zurück du kehrst mit mir.
Darja: Lügner! Sie sagte: Geh!
Denn mich, ihr Kind, wollte sie
Schützen. Wie meines ich.
Victor: Sie denkt nun anders.
Denn eure Ehe achtet sie.
Er erwartet eure Ankunft.

Schweigen.

Darja: Ich fiel, hörte nicht auf zu fallen,
Verfluchter Krieg! Ich sah, was bleibt.
Auf welche Familie wartet jetzt
Trauer, Kinder vaterlos in Armut?
Victor: Was kümmert es dich: er lebt.
Darja: Hermann wurde zum Vater
meines Kindes aus Liebe zu mir.
Ihn liebe ich, ihm schulde ich Achtung.
Victor: Ungeschieden, gilt die zweite Ehe nicht.
Darja: Kalter, junger Mensch,
Kennst du kein Mitleid?
Victor: Ihr lebt im reichen Land und fickt
Die Armen. War einmal zur Arbeitssuche hier.
Ihre Demütigungen, die Vergangenheit,
Bleiben mir immer lebendig.
Darja: Du machtest ihn betrunken, er
Zeigte sich offen und gastfreundlich.
Du aber spieltest, bist falsch.
Victor: Ich nehme ihm seine Frau.
Darja: Du? Du willst verfügen über mich?
Victor: Mein Auftrag lautet, dich
Zurückzubringen, dein Mann und alle
Befehlen dir deine Rückkehr, ihn zu pflegen.
Darja: Wo ist der Brief,
In welchem er selbst
Mich darum bittet?
Victor: Muss der Kranke seine Frau
Mit einem Brief um Hilfe anflehen?
Darja: Befehlen darf er nicht.
Victor: Nie habe ich herzlichere Grüße
Übermittelt, als seine an dich.

Darja schaut mit leerem Blick in die Ferne.

Victor: Kätzchen, wie furchtbar, vergisst
Dich zu freuen, über die wundersame, fast
Göttliche Rettung. Nicht dass ich zweifele
An dir, ich nicht, ich, dein Freund,
Will deine Lage nicht
Im Geringsten verkennen.

Er nähert sich ihr. Sie stößt ihn heftig weg.

Darja: Diesen ehrlichen Mann soll
Ich zerstören? Brutal, wie eine Hure,
Vertrauen missbrauchend?
Victor: Sprichst du etwa von Hermann?
Sei aufrichtig zu dir, Darja!
Ich kann dir helfen, zurück
Zu finden zu ihm, dem einzigen,
Den du wirklich liebst.
Darja: Den begrub ich. Erde
Bedeckt seinen Sarg. Wer
Immer dort liegt, nahm
In die Erde, auch meine Lust mit.
Erst in der Fremde, hier,
Befreite ich mich,
Aus der Umklammerung
Eines liebenden Toten. Leben will ich.
Victor: So, wie du dein Kind liebst,
Liebst du ihn.

Schweigen.

Victor: Eine Deutsche
Bist du noch nicht.
Darja: Ich verlange nur
Zeit.
Victor: Er stirbt. Vielleicht.
Darja: Ich soll verzweifeln. Ich muss
Ihm helfen und darf es doch nicht.
Victor: Lass dein Verhältnis platzen!
Darja: Dein Auftrag!
Es geht dir nur darum.
Victor: Je verlogener ich,
Desto besser für euch.
Darja: Er ist tot.
Victor: Dann wird eben Gott dich
Zu ihm begleiten. Nun, bete!

Er will sie dazu zwingen.

Victor: Bete! Religion befördert die Nation,
Den Glauben an den einen Geist,
Der in der Stunde der Not uns Kraft
Und Macht zum Überleben gibt,
Ich sage dir noch einmal: bete!
Darja: Ich bete, aber ich glaube
Nicht an die Nation.

Victor: Denk an ihn, dann glaubst du!
Darja: Ich glaube an mein eigenständiges Denken, frei
Von Ideologien gleich welcher Herkunft.
An eine Moral ohne doppelten Boden,
Aber an euch glaube ich nicht.
Victor: Bete, besser, du Tier!
Ich bin sein Werkzeug.
Darja: Die männlichen Helden des Schlachtens
regieren nur die, die sie verehren.
Victor: Gotteslästerung und Verrat.
Darja: So trennt uns Krieg.

Schweigen.

Victor: Der Held sucht, und deshalb schweigt er,
Neue Kraft zum Kämpfen bei seiner Frau.
Gibst du ihm den Rückhalt nicht,
Hast Du ihn in den Tod getrieben.
Darja: Ich weiß. Zurück zum Wunden pflegen
Und dann zum Morden wieder raus!

Schweigen.

Victor: Aus Treue kehrte er
Von den Toten zu dir zurück.
Zeigst dich nicht würdig,
Dich seine Frau zu nennen.
Darja: Für eure Mordmaschine
Manipuliert ihr die Familien.
Victor: Entführst das Kind seinem
Leiblichen Vater! Bete, denn
Was dich erwartet, kennst du.

Schweigen.

Darja: Ich erlaube keiner Macht
Zu verfügen über mich.
Victor: Ersetzt du Stolz durch Geschwafel
Von Freiheit? Ha, freie Frauen sind
Nuttengleich Freiwild!
Darja: Nicht in einem freien Land.
Victor: Du wirst als Frau an deinem Platz
Erfüllung finden. Wo, sagen wir dir.
Darja: Ihr habt längst eine Front eröffnet
Gegen Frauen, Kinder und Schwache.
Was bleibt uns, außer Zorn über eure
Vergewaltigungen, womit ihr
Eure Feinde zum gleichen
Verbrechen
Treibt?
Victor: Denkst du, dein treuer Mann
Nähme sich eine fremde Frau?
Darja: Ihr findet freiwillige Männer.
Victor: Lügen, sind das, Propaganda!

Darja schaut ihn herausfordernd an.

Victor: Wenn ich eine Frau, ihren schönen
Körper anschaue, bin ich noch lange nicht
Durch sie verführt. Denn eine Frau muss
Eine Ehre haben, sonst reizt sie mich nicht.
Frauen ohne Ehre sind schwach, sie öffnen
Nicht nur ihr Gehirn feindlicher Propaganda.
Sie sind auch gern willig dem Feind.
Darja: Um sie ungestraft benutzen zu können,
Demütigt ihr die Frauen und befriedigt,
Im Namen der Nation und des Glaubens,
Euren Trieb. Dann tötet ihr sie,
Um euer Elend vor euch selbst
zu verbergen. Denn ihr seid erniedrigt, ihr!
Victor: Was aus dir wurde, wer bist du?
Darja, wärst du im Kampf gefallen,
Es schmerzte ihn nicht so.

Schweigen.

Darja: Ich glaubte, er sei
Unverwundbar, Odysseus gleich,
Dem Krieger und Leinwandhelden,
In den Mädchen sich verlieben.
Victor: In dir blieb nichts von dir zurück.
Darja: Was wirklich Krieg dann ist,
Sie fielen alle, die stark und sicher schienen.
Victor: Du erschreckst mich, wie
Solche Verwandlung wahr sein kann.
Darja: Kein Naturereignis eben, kein Gewitter-
Oder Wüstensturm, sondern ein Strudel in
Geschwindigkeit, ein Wirbeln, Mahlen, Brechen, ein
Splittern von Knochen, Schädeln, Köpfen, ein Alptraum.
Victor: Du redest wie dein Lehrer der Geschichte.
Darja: Wer daraus aufwacht, kann der sich
An seine Schuld erinnern?

Darja spricht stockend.

Darja: Ich sah, was bleibt.

Schweigen.

Darja: Ein Wesen, das jäh aus dem Schlaf reißt.
Ich träumte nachts den Toten neben mir.
Und sollte ihn küssen.
Victor: Jetzt kannst du schlafen, er lebt.
Darja: Nur sein Geist.

Schweigen.

Victor: Sterben im Krieg geht meistens schnell.
Viel leichter als im Frieden und dient
Der Allgemeinheit, wo es sonst so
Sinnlos ist. Wovor hast du Angst?
Darja: Vor einem Heer von Krüppeln
Voller Hass, vor einem davon, der
Verlangt, dass ich ihn liebe.
Victor: Ein Held ist nie ein Krüppel,
Auch wenn ihm beide Beine fehlen.
Darja: Hörst du die Kinder reden?

Schweigen.

Darja: Warum ist er nicht hier?
Victor: Dein Glück!
Darja: Ich kann ihm nur mit Wahrheit helfen.
Victor: Ich sah ihn.
Darja: Die Wahrheit?
Victor: zögernd Ein Soldat, in jeder Lage tapfer.
Hörte, dass er nicht nur Soldat war.
Darja: Verdienste, er gibt nichts auf
Rang und Namen.
Victor: Das meine ich.
Darja: Und die Verletzung?
Victor: Wir sprachen über
Den Frontverlauf.

Schweigen.

Victor: Bin ich sein Arzt?
Darja: Hat die Verwundung ihn entstellt?
Victor: Narben, wer hat die nicht?
Darja: Sag ihm, das Kind sei krank,
Ich komme später.
Victor: Ich lüge nicht.

Schweigen.

Darja: Aber Victor heißt du, ja?
Wenn mein Sohn bei seinem Vater
Im Krieg umkommt?
Victor: Wenn Gott ihn nimmt, darf er
Dem Mächtigen nicht fluchen.
Darja: Im Flüchtlingslager wurden wir
Bedroht, denn beide Seiten flüchten
Und halten ihre Fehde aufrecht.
Jetzt bedrohen Landsleute uns in der Fremde.
Ein Leben ohne diese Angst hatte ich
Durch Hermann. Auch er wird angefeindet,
Meinetwegen. Doch er ignoriert es.
Aus Mut wächst unsere Liebe.
Zwei Hälften einer Welt, die noch vieles trennt.
Bald wird sie friedlich sein. Und wir?

Schweigen.

Victor: Deine kleine, heile Welt riecht
Wie gelbe, warme Pisse.
Darja: Dass man sich begnügen kann,
Hältst du nicht aus.
Victor: Mitleid fühle ich
Für deinen Mann. Den richtigen.
Darja: Warum kämpfst du nicht, Latrinenspitzel?
Victor: Vergeude Zeit mit dir. Mein Gebiet:
Ausland. Betreuung von Dissidenten,
Deserteuren, Exilanten.
Darja: Wäre dein Vater stolz auf dich?
Wie hat er dich erzogen?
Victor: Verachten, Frauen wie dich.
Darja: Nicht dich würde er schicken.

Victor verbeugt sich gekünstelt vor ihr.

Victor: lauernd Gut, ich lass dich hier,
Um ihn vor dir zu schützen. Her mit dem Kind!
Darja: Mein Sohn gehört sich selbst.
Victor: sich in Wut redend Wie viele verschwanden im
So genannten Frieden? Bis man ihre Leichen,
Hast du den Anblick schon vergessen,
Mit Spuren der Folter fand? Erinnere,
wie sie uns behandelten, als
Sie sich sicher überlegen fühlten!
Darja: Mitleid gab es vielleicht
Sogar auf beiden Seiten, aber
Es zu artikulieren, gilt als Verrat.
Wer erzählte dir von mir?
Victor: Du warst beteiligt.
Wer weiß das nicht?
Darja: Die Vernünftigen ...
Victor: Die Besten kamen heimlich zusammen,
Um zu beraten. Du kennst ihre Namen.
Darja: An Namen kann ich mich immer
Eigentlich gar nicht erinnern.
Victor: Wenn du mit deinem Kind
Durch die schöne, kalte,
Deutsche Stadt gehst, was
Fühlst du dabei?
Darja: Nichts. Namen haben im Krieg oft
Tödliche Wirkung. Vielleicht erinnere ich,
Wie eine Zensur, sie daher nicht.
Victor: Niemand grüßt dich, keiner
Kennt dein Kind. Und deinen Namen?

Schweigen.

Victor: Der Deutsche kann diesen Mangel,
Angenommen, er sei liebenswert,
Mit seiner fürsorglichsten Liebe nicht
Ersetzen. Seine Liebe für dich
Wird verschwinden. Dann bist du allein.
Darja: Habe mein Kind.
Victor: Dein Kind, nur deines?
Das vor Gericht? Welch ein Anblick!
Zwei, früher ein glückliches Paar,
Zerreißen zwischen sich den Sohn.
Darja: nervös Hör auf!
Victor: Du liebst Hermann, den
Liebenswerten Deutschen, nicht.
Du belügst ihn.
Darja: heftig Dir geht es um dich,
Wirst du befördert? Danke, die letzten
Missionen erfolgreich erledigt,
Orden und Luxus dafür!
Victor: Aber Namen erinnerst du nicht?
Darja: Es kommt eine Zeit, dann
Nenne ich sie. Vor Gericht!

Schweigen.

Darja: Lasst ihr mich und das Kind,
Werde ich schweigen. Mein Wort!
Victor: Zeugen sagen, du warst
Am Töten beteiligt. Mein
Auftrag wechselte nur
Den Deckel der Akte. Als
Spezialgebiet heute, nehme ich
Dich. Du willst verraten,
angenommen, Namen, Strukturen. Sag,
Welche Strafe droht dir?
Darja: Ihr gleicht dem Feind.
Victor: Du weißt zu viel.
Darja: Was viele wissen. Mehr nicht.
Victor: Geheimes.
Darja: Ihr Verhör? Durch dich?
Victor: Erkennst du jetzt die Gefahr?
Nein? Ich könnte ja ein
Dich verhörender Feind sein.
Du ein Risiko für unsere
Not leidenden Menschen.
Darja: Fragt den kranken Kriegergatten,
Er weiß, was ich weiß.
Victor: hastig Sein Gedächtnis, durch die Verwundung
Hat es gelitten, er ist, er ... braucht dich.
Darja: schnell Der Getötete, Verstümmelte,
Verbrannte, Überlebende,
Auferstandene, Verlangende,
Sterbende Vater, wie ist er?
Victor: Sei dankbar!
Darja: Tragt ihr ihn auf einer Bahre,
Residiert er in einer Ambulanz?
Dann bringt den Märtyrer her!
Oder lallt er, sabbert er, quillt Eiter
Aus entzündeten Wunden, hat er
Noch Augen? Ich ahne zwei leere
Höhlen, wie offene Gräber.
Victor: Sei menschlich!
Darja: Ich halte in Ehren ein Bild,
Eine langsam vergilbende Fotografie.
Den Klang seiner dunklen Stimme,
Sein Lächeln, das, als er
Den neugeborenen Sohn sah,
Erschien in dem nun harten Gesicht.
Victor: Er ist derselbe, der dich
Zum Heiraten reizte. Du selbst
Hast ihn dir so gewählt. Genau diesen
Mann, der immer noch kämpft.
Darja: Wie er um mich warb, damals heiter.
Durch Liebe lernen wir Frauen die Welt.
Victor: Steh zu deiner Wahl, steh zum Kampf!

Victor beobachtet Darja aufmerksam.

Darja: Nachschubreserve.
Victor: Wie ich am Anfang! Du hast
Das Gleiche gemacht, du, eine Frau?
Darja: Dort gab es keine Männer.
Victor: Inzwischen kämpft auch die Reserve,
Jeder kämpft an der Front.

Schweigen.

Victor: Während mein Vater schlief,
Durchschnitten sie ihm die Kehle. Namen.
Morgens erwachte in seinem Blut
Meine Mutter. Sie schrie, ich lief
In ihr Zimmer. Es war Sommer. Das Fenster
Stand offen. Ich schrie, sah mich entfernt
Am Horizont sterben. Ein Kind. Ein Ziel
Wurde mein Leben. Mutter weinte, als ich,
Wie seine Mörder listig und stark, wollte
Werden. Hinaus und Vergelten!

Schweigen.

Darja: Ich packte Kisten mit Waffen
Und Munition aus. Kriegsgerät
Schraubten wir zusammen. Ich sah
Auf technischen Plänen Namen, woher
die Lieferungen kamen, mit welchen
Nationen sie im Geschäft, die von Feinden
Nur Reden. Das erzählte ich meinem Mann.
Wir müssen siegen, egal,
Sagte er. Wir sind verraten,
Flüsterte ich.
Er schaute wütend,
Wütend auf mich.
Victor: Im Krieg kann einer viel
Gewinnen, und verliert es
Im nächsten Augenblick.
Darja: Der Krieg ist gegen jedes Volk,
Und ein Geschäft. Nur einzelne gewinnen.
Victor: Wenn du Beweise hast, und Namen ...
Darja: Beweise nützen dem, der Macht hat.
Mir glaubte nicht einmal der eigene Mann.

Victor, nachdenkend.

Victor: Ich will zu einer Sache deine Meinung hören.
Darja: Auf einmal vertraulich?
Victor: Die Art und Weise, wie mein Vater starb,
Zeigt eine mir bekannte Handschrift. Es fiel mir auf.
Darja: bitter Sie töten auch die eigenen Leute,
Um Menschen aufzuwiegeln,
Willig zu machen für den Krieg.
Victor: Ich räche meinen Vater.
Darja: Die einen rächen, andere
Führen Befehle aus.
Victor: Du redest wie eine aus der Stadt.
Darja: Wie eine, die ihn erlebt hat.
Victor: Verräter werden hingerichtet.
So reinigt sich der Clan. Ich hoffe,
Mein Vater war nicht schuldig.
Darja: Wo Namen Tod bedeuten,
Ist jeder schuldig, der sie ausspricht.
Victor: Dann war er schuldig.

Schweigen.

Victor: Zuerst räche ich meinen Vater, dann
Treibe ich Handel, wie er.
Darja: Die Liste der Gefallenen wird
Öffentlich verlesen, mit neuem Hass
An die Front, lasst mich in Ruhe! Ein Junge
Bist du, kaum ein Mann.

Sie wendet sich ab.

Victor: Was wir sind, verschwindet, alles
Was uns ausmacht, kämpfen wir nicht.
Dann sind wir wer? Unter dem Einfluss
Der Deutschen? Schweinefleisch!
Fühlst du in deinem Herzen den Verrat?
Darja: Verrat! Das Kind war keine Woche alt,
Da ging er wieder an die Front. Ich bat ihn,
Nicht den gefährlichsten Platz in den Reihen
Der Kämpfer zu suchen. Er lehnte ab.
Ehre? Kameradschaft? Ich fühlte Verrat.
Victor: Dein Mann wird in der Heimat
Von vielen Frauen verehrt.
Darja: Von Witwen?
Victor: Dein Mut versinkt in diesem
Kind. Bringst es wie Geld
Aufs sichere Konto im Ausland.
Darja: Die Vorstadt brannte, ohne Werkzeug
Bauten wir auf. Im Zelt erkrankte mein Sohn.
Jawohl, mein Kind, bekam so hohes Fieber,
Dass es den Krieg vom Himmel sah. Damals
Betete ich zu Gott, dem Vater, und schwor:
Überlebt er, dann gehe ich nach Deutschland.
Und hoffe auf Asyl.

Schweigen.

Darja: Als sein Fieber von über vierzig sank,
Sagte ich: Lebt Wohl! Keine der Frauen dort
Nannte mich Verräterin, keine! Sie hatten
Tränen in den Augen, denn sie wussten,
Dass der Abschied für immer war.
Victor: Die Stadt wird weiter schwer getroffen.
Man spricht offen von Verrat. Deine Familie
Konnte sich retten. Andere traf es verheerend.
Darja: Gibt es Verdacht?
Victor: Man sprach ihn aus.
Darja: Wer verliert, sucht Schuldige.
Victor: Wir untersuchen, und finden
Bestätigt unseren Verdacht.
Darja: Wen beschuldigt ihr?
Victor: Nur wenige wissen, wie um die Stadt
Der Verteidigungsring organisiert ist.
Darja: Verhaftet habt ihr die?
Victor: Es dauert die Untersuchung.
Darja: Seid gerecht und genau.
Victor: Wer sich der Ermittlung entzieht,
Macht sich verdächtig.
Darja: Aus dieser Richtung erfolgt
Der Angriff auf Mutter und Kind?
Victor: Auch du bist verdächtig,
Wenn du dich nicht stellst.
Darja: Mit einem Generalverdacht,
Belegt ihr die Friedlichen.
Victor: Deine Hochzeit hast du verschwiegen.
Darja: Für den Ruf der Familie.
Victor: Die bei dem Angriff entkam.
Darja: Vielleicht gibt es Gott.
Victor: Jetzt fürchten wir um sie, wenn du
Nicht für dich eintrittst.
Darja: Ich verteidige mich.
Victor: So beschrieb dich dein Mann.
Darja: Er kann also sprechen.

Victor umkreist sie langsam.

Victor: Durchaus, die Ärzte empfehlen,
Einzureden auf ihn.
Darja: In welchem Hospital?
Victor: Ein Lazarett, nahe dem Frontverlauf.
Darja: Wie finde ich ihn?
Victor: Durch mich.

Schweigen.


Darja: Seine Stimme am Telefon hilft mir
Bei meiner Entscheidung.
Victor: Ob er noch wert, dein Mann zu sein?
Darja: Zwei Männer verlangen von mir,
Dass ich sie liebe.
Victor: Du siehst die Hilfe nicht,
Die ich dir biete.
Darja: Vielleicht bist du nicht so schlecht,
Wie dein Ansinnen mir scheint.
Victor: Ich nehme das Kind mit.


Darja greift sich die Schnapsflasche als Waffe.

Victor: amüsiert Angst habe ich um die Flasche.
Darja: Töten kann vielleicht doch jeder.
Victor: ihre Drohung ignorierend
Ich gebe dir nur einen Augenblick,
Den Gedanken zu verwerfen. Denk nach,
Willst du dein Kind begleiten?
schreit
Ich warte!
Darja: Wenn wir sterben sollen,
dann hier!

Victor holt die Pistole hervor.

Victor: Habe mit ihr geredet, auch mit Zeit.
Wer will behaupten, dass es nützt? Selten
helfen Argumente. Nur eines verhilft sicher zum
Durchbruch dem Gesetz. Gott ist mein Zeuge,
Dass ich sie nicht ohne Ausweg ließ.

Darja schlägt blitzschnell zu. Victor weicht dem Schlag aus, entwindet ihr die Flasche und verdreht ihr den Arm.

Victor: So sanft war ich schon lange nicht mehr
Wie zu dir. Oft besänftigt es das Schicksal,
Wenn eine Frau sehr schön ist. Ein Mann
Und eine Frau, was sollen die sich tun?
Darja: Gib auf!
Victor: Ein magerer Satz, gebrochen gesprochen: Gib auf!
Darja: Wenn Krieg ist, ist er überall, auch hier.
Victor: amüsiert Warum dann bleiben?
Darja: Brichst mir den Arm, mich
Brichst du nicht. Junge, wach
Aus deinem Wahn auf!
Victor: hält ihr die Pistole an den Kopf
Ich bin Soldat. Junge sagst du
Nie mehr zu mir.
Darja: Jüngelchen!

Er stößt sie brutal zu Boden, bedroht sie mit der Pistole.

Victor: Sag eine Zahl!

Verdreht ihr stärker den Arm.

Victor: Sag eine Zahl!

Schweigen.

Victor: Wie viele? - Kerben.

Aus dem Hintergrund Schreien des Kindes.

Darja: Zwei?
Victor: lässt locker, lacht
Scharfschützen ritzen für jeden Treffer
Eine Kerbe in den Gewehrlauf. Ich sah
Keine freie Stelle. Und ich habe
Gute Sehkraft. Sniper wurde ich.
Also, wie viele?
Darja: Will es nicht wissen.
Victor: greift sie fester
Dreiundsiebzig. Eine Zahl,
Dreiundsiebzig. Gesichter
Erinnere ich gut.
Darja: Wie warst du als Kind?

Schweigen.

Victor: Wie viele verloren
Ihr Leben durch dich?

Sie beginnt zu weinen.

Darja: Zeigst spät dein Gesicht.
Victor: Eine kluge Frau weiß,
Was sie will, und was nicht.
Du weißt es am besten.
Oder liebst du etwa
Dein Kind nicht?

Schweigen.

Victor: Hast in Deutschland ein Mundwerk
Wie eine Nutte bekommen. So offen
Wie hier Frauen sich zeigen. War es Mord,
Oder Notwehr?

Schweigen.

Victor: Hast dich losgesagt, frei! Die Ehe
Schützt dich nicht mehr, keine,
Deine zweite gilt nicht. Fühlst du die Freiheit?

Schweigen.

Victor: Die im Ausland ein schönes Leben haben, bis
der Krieg vorbei und die Freiheit erkämpft ist. Dann
kommen sie, reich und fett zurück, um ihren Nutzen.
Kauft billig Land und Häuser der Gefallenen! Doch ich führe
Listen. Bestimme die Namen für einen gerechten Lauf.
Darja: Jemand wird auch mich
An dir rächen.

Victor stößt einen Fluch in seiner Landessprache aus.

Victor: Du drohst mir?

Schweigen.

Victor: Vertrau nicht auf die Milde deines Mannes.
Er ist verändert. lacht böse Sehr verändert. Wir sind
Andere Menschen geworden.
Darja: Nachrichten hier zeigen nur die Sicht
Dieser Gesellschaft auf den Konflikt. Wem was geschieht,
Und warum, wer Held und wer Verbrecher, wer weiß es?
Gehörst du zu den Guten?
Victor: Wenn der Sieg erreicht ist, wird man
Auch meinen Namen nennen.
Darja: Wer allein so viele tötet, muss ein Held sein.
Victor: höhnisch Willst du mir schmeicheln?
Darja: Ich will wissen, wer bist du wirklich?
Victor: Den ersten Feind tötete ich
Mit dem Messer. Schnitt
In seine Kehle, wie sie
Bei meinem Vater.
Er sah mich fast
Erstaunt an, hatte mich
Nicht gesehen, dann
Entsetzt. Sein Blut war
Ein schöner Anblick.
Einfach ist es zu töten.
Darja: Und machst so weiter?
Victor: Mein Vater lebt
In meinen Taten. Sein
Stolz bin ich.
Darja: Er hat dich sicher sehr geliebt,
So wie du früher warst.
Victor: In meiner Schule beschwerte sich einmal
Ein Lehrer, denn ich schrieb mit links. Ihm
Sagte mein Vater: mein Sohn schreibt links!
Und das sagte er in einem Ton,
Dass ein Lehrer nicht widerspricht.
Jetzt spreche ich für meinen Vater.

Schweigen.

Darja: Hast du den Mut, sogar
Freunde zu töten?
Victor: Feinde erkenne ich immer,
Nur sie töte ich. Schade,
Wie leicht du dich aufgibst.
Kämpf um dein Leben!
Darja: Folterst du deine Opfer?
Victor: Ich prüfe sie. Wie ein Staat.
Darja: Um ihre Unschuld zu beweisen?

Victor schweigt.

Darja: Wie träumst du nachts,
Zum Beispiel von Frauen, die
Du ermordest?

Victor: schreit Nicht, ich träume nicht!
Darja: Flehen sie immer noch, ihre Gesichter?
Ihre Augen? Erinnere dich! Ihr Bitten um Gnade.
Ihr Schluchzen, oder lautlos vor Angst?

Victor hält die Pistole vor ihr Gesicht.

Victor: Willst es wissen? Ja?
Dann auf die Knie!

Darja weicht vor ihm zurück.

Darja: Dich verachtet dein Vater.
Victor: Auf die Knie!
Darja: Prahlst du damit
Vor deiner Mutter?
Victor: Auf die Knie!

Victor drückt sie mit dem Lauf der Pistole brutal hinunter.

Victor: Was du von mir denkst,
Darüber lach` ich.
Darja: Glaubst du, es hört auf? Eines Tages
Vergisst du? Und kannst schlafen? Mal sehr,
Mal nicht, sich rächend im Schlaf, erscheinen
Die Toten. Sie meinen dich!
Victor: So ist Krieg. Kann ich dafür?
Darja: Und deine Freundin, sieht sie
Einer Ermordeten ähnlich?

Victor bedroht sie mit der Pistole.

Victor: So bist du ruhig, mich
Soll man nicht reizen. In meinen
Nerven heftige Ströme, sie
Kochen mein Blut.

Victor drückt sie langsam zu Boden.

Victor: Nun verschmelzen, gleich verstehst du,
Zu einer Einheit, Täter und Opfer, wie
Verbunden in Liebe, Mann und Frau.

Darja, vor ihm kniend. Er entkleidet sich. Als Victor die Pistole aus ihrem Gesicht nimmt, spricht Darja sofort.

Darja: Du suchst Nähe, eine Frau
Kann dich lieben, quälst du, bist du allein.
Was du bist, weiß es, wolltest du nicht.

Victor wendet sich ab, weint.

Darja: Du hattest ein Recht, ohne Schuld
Zu leben. Vielleicht hast du es noch.

Victor sieht sie ruhig an. Er bewegt sich sehr langsam, wie erschöpft. Reaktionen wie ein innerer Kampf.

Victor: Ich bin fünfundzwanzig Jahre.

Schweigen.

Victor: Und eine Zahl: Vierundsiebzig.

Er richtet die Pistole gegen sich.

Darja: hasserfüllt Die dich benutzten, leben
Im Luxus. zögernd Hast vor dir dein Leben.

Schweigen.

Victor: Dein Mann ist entstellt, sein Gesicht
Eine Wunde und Hass seine Stimme, erkennst ihn
Nicht wieder. Dich sucht er jammernd, schreit
Wie ein Säugling, Darja! Dich bring` ich nicht.
Eine Puppe brauchen sie, daher mein Auftrag,
Eine Marionette für den Erhalt ihrer Macht.
Darja: traurig So kehren Männer aus dem Krieg zurück.
Victor: Will in die Nacht. Grausam die Sonne, Spiegel
Hass` ich, das, mein Gesicht. Das, auf der Geraden
Fahren, wo Lichter verlöschen, immerzu fahren, das
Muss sterben, das, mein Gesicht.

Victor versucht, sich zu erschießen.

Victor: Dieses Mal kann ich es nicht.

Victor lässt die Pistole sinken.

Darja: Dieses Kind schaut mich an.
Sein Blick saugt meine Liebe
In sich hinein. Ich bin wie du.
Victor: Hast du vom Krieg

Erfahren wie ich?
Darja: Zwei Männer hab´ ich verloren.
Einer wurde zum Säugling
Beim Morden, der andere ist
Zu weit weg ohne
Die gleiche Erfahrung.

Schweigen.

Darja: Ich habe mich eingesponnen
In eine Moral, die von weit weg ist, ein trübes,
Kaltes und weitsichtiges Auge, mit dicken
Linsengläsern. Aber weil ich alles gesehen
habe,
Dabei war, auch ich habe getötet, kann ich
Dem fremden Blick allein nicht glauben.
Die Moral von außen trügt genauso wie
Beengte Sicht von innen. Wir sind fast blind.
Victor: Du hast also wirklich getötet?
Darja: Du bist der erste, der es erfährt. Nah
Sind wir uns, nah, seltsamer Fremder.

Schweigen.

Darja: leise Am Berg steil durch den dichten Wald hoch,
Gehe ich den gewohnten Weg als Kurier. Die Hitze
Kriecht zwischen die Wurzeln. Ich leise, passe auf,
Nicht Steine loszutreten, ein Schatten. Vielleicht
Hatte er meinen Schweiß gerochen. Weiter oben bricht
Ein Zweig. In Deckung lausche ich, warte, da ist er
Hinter mir. Wir blicken uns, zwei Meter Abstand
In fremde Gesichter. Seine Hand mit der Waffe zittert
Nicht aus Angst. Sein Gesicht verzerrt nicht Kampfeslust.
So steht er vor mir. Kommt näher, wird größer, Bartstoppeln
Wie Bäume, dann weiten über mir sich seine Augen, groß,
Wie beim Orgasmus. Ich unter ihm, erstarre. Er zittert,
Aber rührt sich nicht. Liege, bis ich fühle, was auf
Meinen Bauch rinnt, sein Blut ist.

Schweigen.

Darja: So kommt er wieder, häufig nachts.
Und immer wieder so. Bis heute.
Weiß nicht, wie ich ihn tötete, und nicht,
Wie ich ihn sterben lassen kann.
Victor: Mit niemandem kann ich
Sprechen wie mit dir.
Darja: Wir sind uns nah
Nur durch das Töten, bitte geh!
Victor: Erschreckst mich. Kann ich nichts?
Krieg heißt doch Nehmen.

Victor will sie küssen.

Darja: Nicht, bitte geh!
Victor: Willst du nicht kosten?
Darja: Nimmst, was du wünschst, gleich für gültig, du
Kind. Spielst den Mann und schon Soldat.
Victor: Im Schlachthof lieben wir uns.
Getötet vor unseren Augen uns selbst. Hab Mut!
Darja: Ich halte mich fest, du zerrst uns zurück, ein
Stillstand der Waffen beendet den Krieg nicht, nur
Neue Kriege ersetzen die letzten.
Victor: Heute Helden, morgen Mörder. Erledigt,
Sehe das Ende. Lasse dich ängstlich verstörte Frau
In Verwirrung. Flieh weiter! Ich traf dich nicht
Bei der deutschen Adresse.
Darja: Eine andere Frau soll dir dafür verzeihen.
Victor: Schenk mir nur eine Fotografie.
Und wenn man mich findet, lebend oder getötet,
Erfahren sie, dass ich nicht jeden Befehl
Blindlings befolgte. Einmal rettete Liebe.
Darja: lacht Eine Fotografie gab ich, fand ich
Wieder bei dem Geliebten. Verschmortes Plastik,
Damit ihr die Lieben zu Haus nicht vergesst, mein
Erinnerungsgesicht, das verklumpte, neben seinem,
Was noch blieb von der Hitze. Nicht erkennbar,
Eisen vom Gürtel, Münzen. Und mein Gesicht, das
Brannte vor Schmerzen. Der im Feuer zerschmolzene
Klumpen war ich. Er ist tot, sagte ich laut,
Mit einer mir fernen, eigenen Stimme. Dort
Liegt mein Mann, doch ich meinte mich.

Schweigen.

Darja: Victor, geh in irgendein Land! Arbeite,
was nützt! Eines Tages erinnere alles und halte
Gericht. Mit dir selbst. Geh weit! Eines Tages
Verzeiht dir ein Kind. Und Victor, nicht beten.
Halte es aus!


Victor umarmt Darja.

4. Bild




Darja und Victor liegen schlafend auf dem Sofa. Morgendämmerung. Hermann, übernächtigt aussehend, kommt aus dem Schlafzimmer. Als er Darja und Victor so liegen sieht, bleibt er einen Augenblick lang ungläubig und unentschlossen. Schnell jedoch steigert sich seine Wut. Er nimmt ein Messer. Einen Moment zögert er noch, nicht wissend, wie er beginnen soll.


Hermann: schreit Raus! Das ist eine riesengroße Sauerei! Schweinerei! Raus, aber schnell!

Darja und Victor schrecken aus dem Schlaf auf, starren verblüfft Hermann an, dann sich gegenseitig. Hermann fuchtelt mit dem Messer vor den beiden herum.

Hermann: Damit habt ihr nicht gerechnet, dass ich so früh wach werde, nach der durchzechten Nacht. Aber ich werde euch zeigen, was Kondition ist. Raus, hab` ich gesagt!

Victor zieht sich schnell an. Darja schaut Hermann bittend an.

Hermann: Wie im Stall! So geht es also zu bei euch. Aber nicht bei mir. Nicht in meiner Wohnung. Ich werde euch Manieren beibringen. Unverschämtheit! Da hört meine Toleranz auf. Hier herrschen andere Bräuche. In meiner Wohnung bestimmt Hermann, und das bin ich!
Darja: Hermann, was ist passiert?
Hermann: Das ist dreist. Das ist der Gipfel der unverschämten Freiheit! Mich fragst du das? zu Victor In einer Minute bist du draußen, sonst drehe ich dir den Hahn ab.
Victor: Ich habe nichts gemacht, ich schwöre.
Hermann: immer wütender werdend Nichts gemacht nennst du das? Willst du mich auch noch verscheißern? Soll ich Hackfleisch aus dir machen, du hinterlistiger Einschleicher? Sieh zu, dass du zurück kommst, wo du her gekommen bist. Wo der Pfeffer wächst, kannst du dich benehmen, wie du willst.
Darja: Es ist nichts passiert, Hermann, glaub mir!
Hermann: Wir rechnen gleich noch ab. Wenn dein Verführer draußen ist. Dann brechen Zeiten für dich an, dass dein Krieg dagegen eine Erholung ist!

Victor hat sich angezogen. Darja sitzt auf dem Sofa.

Victor: Ich bin gestern Nacht allein eingeschlafen. Wir haben getrunken. Nichts ist passiert. Was ist schlimm? Du warst auch betrunken, vielleicht auch deine Frau.
Darja: Du warst total betrunken, Hermann. Wir mussten dich ins Bett tragen. Ich kann mich an alles genau erinnern.
Hermann: zu Victor Abgang, aber schnell! zu Darja Gleich wirst du dich erinnern, und zwar an deine eheliche Pflicht!
Victor: Ich gehe nicht, weil du ihr drohst.
Darja: Hermann, beruhige dich! Was machst du? Es gibt wirklich keinen Grund für deine Wut.
Hermann: Ich hätte wissen müssen, was du für eine bist. Meine Gutmütigkeit wurde schon mal von einer Schlampe ausgenutzt. Er ist alleine eingeschlafen, und du kannst dich erinnern. Und ich gehe zur Arbeit und liefere das Geld ab. Damit sich die Dame auch alle Wünsche erfüllt. Da bekomme ich auch richtig Lust, du wirst gleich erleben, wonach!
Darja: Ich schwöre es.
Hermann: Lass es lieber!
Victor: Ich habe nicht mit deiner Frau geschlafen.
Hermann: Raus!
Darja: zu Victor Geh lieber, ich rede besser allein mit ihm.
Victor: Er hat ein Messer.
Hermann: Ach, so vertraut seid ihr miteinander. Du bleibst hier! Jetzt kannst du lernen, wie man in Deutschland Schlitten fährt! Das geht steil den Hang hinunter, da musst du dich festhalten.
Darja: zu Victor Geh, lieber, bitte, geh! Er wird sich beruhigen. Es wird schlimmer, wenn du bleibst.
Victor: Ich werde nichts erzählen.

Victor geht hinaus.

Darja: Leg bitte das Messer weg!

Hermann behält das Messer.

Hermann: Ich kann es immer noch nicht fassen. Meine Frau!
Darja: Den Auftritt vergesse ich nicht. Es war nichts.
Hermann: Die Nacht von unserem Hochzeitstag.

Hermanns Wut steigert sich wieder.

Hermann: Rausschmeißen ist zu einfach. Einsperren! Oder noch besser, du wirst arbeiten gehen, das Kind kommt zur Tagesmutter, oder ins Heim. Dann kannst du mal erkunden, was der Arbeitsmarkt hier für dich zu bieten hat. Leistung ist Standard. Eine abgebrochene Studentin! Nein, ich werde zum Gespött der Leute.
Darja: Bitte, wirf mich hinaus!
Hermann: Betrogen von einer Asylantin, die ich gutmütig aufgenommen habe.
Darja: Sag das noch mal!
Hermann: So werden sie reden. Bis die ganze Schule über mich lacht.
Darja: Hermann, es ist wirklich nichts passiert.
Hermann: Wie du vor seinen Augen getanzt hast. Jetzt steigt mir erst richtig die Wut hoch. Mit mir wolltest du nicht anstoßen. Über mich machst du dich lustig.
Darja: Wenn du dich lächerlich machst.
Hermann: Ich Idiot habe diesen Gigolo abziehen lassen. Vor deinen verliebten Augen sollte ich ihn in Stücke schneiden, dem haarigen Affen das Fell rasieren. Damit dir vom Anblick die Lust am Fremdgehen vergeht!
Darja: Jetzt reicht es! Kein Wort davon ist wahr.
Hermann: Geh doch, wenn dir das Leben hier nicht passt. Da ist die Tür! Deine Geheimniskrämerei habe ich schon lange satt. Glaubst du, ich kriege keine Deutsche ab, oder weshalb lachst du über mich?
Darja: Langsam bekomme ich Lust, wirklich zu gehen. Aber Hermann, dann gehe ich für immer.
Hermann: Tu dir keinen Zwang an, ich bin ja tolerant. Von mir aus kannst du machen, was du willst, und mit wem du willst. Wer weiß, was sich hier abspielt, wenn ich nicht zu Hause bin. Da muss man schon tolerant sein, um das auszuhalten!
Darja: Sprich nicht weiter, sonst verachte ich dich. Und das ist schlimmer als der Tod.
Hermann: Ach, jetzt kommst du mir mit Moral. Das ist dreist. Weißt du, was du bist?
Darja: Ich erinnere mich langsam.
Hermann: Langsam verstehe ich, wie ihr seid.
Darja: Ja, bitte, Hermann, sag du mir, wie ich bin!
Hermann: Vertrauen erschleichen, einen betrunken oder trunken vor Liebe machen, und dann macht ihr hier mit uns, was ihr wollt.
Darja: Endlich weiß ich, wie ich bin. Dank deiner Weisheit, Hermann!

Einen Moment lang weiß Hermann nicht, was er erwidern soll.

Darja: Und jetzt sage ich dir, Hermann, wie du bist. Falls es dich interessiert.
Hermann: Du kannst von mir aus reden, was du willst. Mich interessiert nur ein umfassendes Geständnis.
Darja: Du bist ein kleiner Spießer, der sich modern und tolerant gibt. Das habe ich leider nicht durchschaut, als ich dich geheiratet habe. Das war mein Fehler. Und jetzt gehe ich.

Darja rennt aus dem Zimmer und kommt gleich mit einem Koffer zurück.

Hermann: Das ist ja witzig! Verknallst dich in den Erstbesten aus deiner Heimat.
Darja: Es gibt keinen Frieden. Nirgendwo auf der Welt. Und besonders bei dir nicht.

Darja legt Gegenstände in den Koffer. Hermann wird verhaltener.

Hermann: Heute ist der erste Tag nach einem Jahr voller Liebe. Ich fasse es nicht. Nur die Uhr geht richtig. Die Uhr geht unerbittlich richtig, aber ich verbiete es ihr.

Er zertrümmert die Uhr auf dem Boden.

Darja: Zurück in den Krieg, danke, Hermann! Du hast mir ein Jahr in diesem Krieg erspart.
Hermann: Dieses Auf und Ab, immer Auf und Ab, sag` mal, was tust du da?
Darja: Eine Nacht. Ein Mensch in der Ferne, der mehr Nähe bedeutet, als der nah ist. Musst ein Leben ohne mich finden.

Hermann sieht fassungslos zu, wie Darja ihren Koffer packt.

Hermann: drohend Das möchte ich nicht, was du da machst.
Darja: Man muss können, was das Leben von einem verlangt. Ich kann es.
Hermann: Du musst dich bei mir entschuldigen, Darja.
Darja: Ich kann es nicht, Hermann. Ich will dich nicht betrügen mit einer Entschuldigung. Ich bin hier fremd, deshalb gehe ich. Ich werde in meiner Heimat nachsehen, wie fremd ich dort bin.

Schweigen.

Hermann: Eine möglicherweise tödliche Absicht.
Darja: Ich ziehe den Tod der Duldung vor. Wenn ich dich nur ruhig weiß. Du hast mit diesem Krieg nichts zu tun.
Hermann: Ich komme mit.
Darja: Das kannst du nicht.
Hermann: Und das Kind?
Darja: Nehme ich mit.
Hermann: schreit Warum denn das Kind? Unseren Sohn?
Darja: Meine Familie und die meines ersten Mannes wollen ihn sehen.
Hermann: Ihn wolltest du retten, Darja, wach auf, es geht um sein Leben, deine Verantwortung als Mutter. Wegen eines harmlosen Streites gefährdest du ihn?

Schweigen.

Darja: Ich liebe dich nicht mehr, Hermann. Ich habe mich geirrt.

Schweigen.

Hermann: Darja, was ist passiert?
Darja: Ich wurde in zwei Welten geboren. In jeder stirbt man einmal. Ich danke dir für den Aufenthalt hier.
Hermann: Das geht nicht, das ist brutal.
Darja: Ich muss zurück, vieles klären, mich zeigen, helfen. Man hat mich gerufen.
Hermann: Die Kämpfe sind dort heftiger als zuvor.
Darja: Deshalb ist es so dringend. Victor hat mir berichtet.
Hermann: Jetzt verstehe ich, Victor! Dem folgst du nach einer Nacht. Was war es denn, was dich bei mir hielt? Dann geh, aber glaub' nicht, dass ich deine Rückkehr erwarte. Ich bin Realist. Mein Leben läuft nach Plan, auch ohne dich.
Darja: Ich akzeptiere.
Hermann: Denk nach! Das ist keine Ferienreise. Alles, was wir uns aufgebaut haben, hat ohne dich keinen Sinn.
Darja: Dann akzeptiere: mich, meine Welt.
Hermann: Deine Verschlossenheit, an der ich nicht teilhaben darf? Aus der du mich ausstößt, weil ich fremd darin bin? Ich habe dir hier alles gezeigt: mich, woran ich glaube, was ich denke, wie ich lebe.
Darja: Hilf mir! Ich bin verloren.
Hermann: Fahr nicht! Nicht jetzt. Hast du Heimweh? Das vergeht. Wenn wieder Frieden herrscht, bauen wir dort ein Haus.
Darja: Nein, Hermann, nicht, mich verlässt meine Kraft.
Hermann: Victor hat dich verwirrt, dir ein schlechtes Gewissen eingeredet. Mich mochte er nicht. Auf den ersten Blick nicht. Sieht dich verloren im fremden Land. Was für ein Ignorant! Weil ich nicht tanzen kann? Sag, ist es das? Wie tolerant seid ihr denn?
Darja: Ich muss zurück.
Hermann: Vielleicht erwartet dich die Mörderbande schon mit ihrem Hass auf alles Fremde. Für die bist du jetzt eine Deutsche, das steht in deinem Pass. Lies Zeitung, hör' Nachrichten! Gräueltaten werden aus nichtigem Anlass begangen. In eurem Terrorland spuckt der Wahnsinn über den Tellerrand.
Darja: Ich kenne mein Land nicht erst aus der Zeitung. Ich muss gehen.
Hermann: So triffst du Entscheidungen, einsam. Vergiss nicht, du bist mit mir verheiratet. Du hast den Eid geschworen.

Schweigen.

Darja: Ja. Zweimal.
Hermann: Vielleicht sprichst du lieber mit dem Toten. Dann leg dich doch zu ihm ins Grab! Wenn ihr ein Volk von Wahnsinnigen seid.
Darja: heftig Das sagst du Deutscher mir?
Hermann: Ich spreche von heute.
Darja: Wahnsinn, mein Lieber, kann sich vererben. So tolerant bist du in Wirklichkeit nicht.
Hermann: Bricht unvermittelt aus.
Darja: Du hast so viel Sicherheit, und trotzdem so viel Angst.
Hermann: Nur Sorgen. Um dich und das Kind.
Darja: Um deinen Lebensplan! Weißt du, wie sich mein Mann verabschiedete, bevor er an die Front ging?
Hermann: Oh, ein Vergleich. Wie ein Kriegsheld sicherlich.
Darja: Wie ein Mann.

Schweigen.

Hermann: Gestern dachte ich, du bist mit mir glücklich. Aber die Möwe hat sich nur ans süße Wasser verirrt. Die Soldaten marschieren hier nicht für die Öffentlichkeit. Da können die Weiber sich nicht aus den Fenstern lehnen. Und ins Bett geht es hier nicht nach aufregenden Schlachten, sondern nach ermüdender Schularbeit.
Da wird das zweite Kind nicht gezeugt, aber der Sohn des modernden Kriegshelden vergöttert. Kaum hat sie ihn aufgepäppelt, im fetten Deutschland dickbäuchiger Männer, zieht es die leidenschaftliche Mutter zurück zu den kampferprobten Kriegern.
Der Bekannte des Bruders erscheint am Hochzeitstag, brüskiert mich und liegt mit meiner Frau im Bett. Vor deiner Familie kann er nun prahlen! Denn du hast ihnen die Hochzeit verheimlicht. So denkt er, seine Schwester prostituiert sich, und er droht ihr mit Schande zu Hause. Macht die Rückkehr aus dem ach so sittenlosen Deutschland zur Bedingung für sein Schweigen. Der Grund, das Geheimnis und einzig der Plan deiner Reise.
Darja: beschwörend Nein, Hermann, du irrst dich.
Hermann: Wie sehr wünsche ich, dass du mir dein Innerstes anvertraust.
Darja: Deine Welt ist hier. Überall, innen und außen. Meine, das sind ein paar Menschen, die mir geblieben sind. Ich muss sie vor Angriffen schützen, sonst weiß ich nicht mehr, wer ich bin.
Hermann: Warst du jemals meine Frau?

Schweigen.

Darja: Wenn dein Herz groß ist, bin ich dir nah.
Hermann: Wann werde ich eingeweiht in das große Geheimnis? Vielleicht heute, vielleicht morgen, vielleicht am Ende gar nicht? Ist da überhaupt was zu finden, hinter den Lippen, den Augen, der Stirn? Du bist vielleicht ein Wesen, das einfach nur reagiert, ein menschliches Tier, das seinem Instinkt folgt. Und der fordert: Paarungszeit im Heimatland!
Darja: Ich verstehe deine Wut, aber nicht deine Worte.
Hermann: Versteck dich nicht hinter dem Wort Vertrauen, das du wie ein Schutzschild gegen mich benutzt. Ich vertraue dir nicht.
Darja: Du willst aus mir die Deutsche machen, die du berechnen kannst, als Faktor in deinem Lebensplan.
Hermann: Wenn du heimisch werden willst, darfst du nicht fremd bleiben.
Darja: Weißt du, was du zerstört hast?
Hermann: Nein, denn ich kenne dich nicht.
Darja: Nimm einem Menschen seinen Stolz und lehre ihn dann die Verachtung kennen. Auf diesem Weg möchtest du reisen, ich nicht.
Hermann: Mein Stolz wird von einer Geduld aufgefressen, die mich zum Bettler um deine Nähe macht. Du vertraust mir nicht, du!
Darja: Wir müssen uns trennen.

Schweigen.

Hermann: Die Tür musst du öffnen. Das möchte ich sehen, wie du gehst.

Darja steht wortlos auf, schließt ihren Koffer.

Darja: Wie ich angekommen bin, gehe ich. Soll niemand behaupten, ich habe mich im reichen Land bereichert.
Hermann: flehend Bleib! Bitte. Ich liebe dich.
Darja: Es ist schwer, aber entschieden.

Hermann will sie umarmen.

Hermann: Es gibt keinen Grund. Du kannst nicht gehen ohne Grund.
Darja: Auch nicht bleiben.

Hermann hält sie fest.

Hermann: Ich lasse mir mein Leben nicht zerstören. Denk an gestern. Alles war in Ordnung. Das kann nicht sein. Alles auf einmal zerstört.
Darja: Der Krieg, in Sekunden zerstört er.
Hermann: Hier nicht.
Darja: Überall.

Darja befreit sich energisch aus seinem Griff, will das Kind holen.

Hermann: Deine Kälte, deine Brutalität hast du die ganze Zeit vor mir verborgen. Sind wir alle so, unter der Oberfläche Bestien?
Darja: Und was du alles gesagt hast, solche Reden aus deinem Mund?
Hermann: verzweifelt Darja, das bist du nicht, ich erkenne dich nicht wieder. Ich weiß, dass du Schlimmes erlebt hast. Viel mehr brauchst du mich, um es zu bewältigen.
Darja: Sind das Gesten, für die ich Danke sagen muss? Nirgendwo ist Liebe stärker als im Krieg.
Hermann: Gib mir eine Chance, lass mich mit auf eurer Seite kämpfen.
Darja: Zu der gehörst du nicht.
Hermann: Du kannst mich nicht daran hindern, in dein Land zu reisen.
Darja: Du überschätzt dich.
Hermann: Niemals.

Schweigen.

Darja: Bitte, lass uns gehen!
Hermann: Nein.

Schweigen.

Darja: Ich habe ihn nicht getötet.
Hermann: Wen?
Darja: Den Vater. Meinen Mann.
Hermann: Natürlich hast du das nicht, er fiel im Krieg.
Darja: Er lebt.
Hermann: Victor?
Darja: Ich hab` es erfahren.

Schweigen.

Hermann: Vernichtet bin ich, wenn es stimmt.
Darja: Ich bin erlöst von meinem eigenen, inneren Vorwurf.
Hermann: Heiratsschwindlerin!
Darja: Dass du das sagst!
Hermann: Hier musst du deine Pflicht erfüllen. Leistung, und Gegenleistung. Wer sich hier aus der Verantwortung stiehlt, gerät ins soziale Abseits. Das werden wir besser verhindern.

Hermann drückt Darja auf das Sofa, reißt an ihrer Kleidung.

Darja: Nicht!

Hermann versucht Darja zu vergewaltigen. Sie bekommt das Messer zu fassen. Im Handgemenge sinkt er auf ihr zusammen. Einen Augenblick lang liegen sie ruhig. Darja befreit sich von ihm. Überall Blut.

Linkliste


Lesen Sie weitere Theaterstücke von Volker Lüdecke:

www.lieberonlinelesen.blogspot.com

www.minidramen.blogspot.com


Die Aufführungsrechte für das Stück Darja, 1997 ausgezeichnet mit dem Else Lasker-Schüler Dramatikerpreis ( geteilt mit Werner Fritsch ), liegen beim Verlag Felix Bloch Erben in Berlin:

http://www.felix-bloch-erben.de/index.php5/aid/17/cid/1/autor/Volker+Lüdecke/Action/showAuthor/fbe/101/


Interview mit Volker Lüdecke in Die deutsche Bühne:

http://www.die-deutsche-buehne.de/register/reg98.htm